N. G., Hamburg

Er heißt Immanuel schreit kräftig, trinkt viel und ist ein schönes Kind. Das Photo zeigt ihn im zarten Alter von zwölf Tagen, es zeigt ihn aber auch behördengerecht: mit sichtbarem linkem Ohr. Daß er dabei die Augen zumacht, scheint von einer gewissen Müdigkeit zu zeugen. Er wählte die seiner Situation adäquate Haltung. Immanuel hat politischen Instinkt. Pose und Paßbild waren nötig für den Personalausweis, den das Baby braucht, denn es wollte mit seinen Eltern von Hamburg nach Berlin umziehen.

Verlangt wird dieser Ausweis von den Volkspolizisten für die Autofahrt durch die DDR. Das ist bitterer Ernst, wenngleich sich die Beamten auf dem Hamburger Bezirksamt vor Lachen schüttelten. Die Eltern hatten das Baby in der Tragetasche mitgebracht, damit der Inhalt des Steckkissens mit dem Bildnis verglichen werden konnte. Aber die Beamten kapitulierten: Ihrer Meinung nach sehen alle Babys gleich aus.

Sie fragten die Eltern nach der Länge des Kindes. Nur seine Geburtszentimeter waren bekannt. Und Immanuel hielt seine Beine nicht gerade, wenn die Mutter ihn messen wollte. Auf dem Amt erbot sich der Vater deshalb, das Steckkissen an der Meßlatte aufzuhängen. Die Beamten verzichteten, rieten jedoch, das Kind gleich ein bißchen größer zu machen, als es tatsächlich war. Denn: Der Ausweis wird ungültig, sobald Immanuel fünf Zentimeter großer geworden ist. Und er wächst schnell. Nun steht in seinem Ausweis auf der zweiten Seite: „Größe 57 cm, Farbe der Augen braun, unveränderliche Kennzeichen: keine.“

Das Photo wurde auf der dritten Seite des Personalausweises formgerecht eingeheftet, und dann sahen die Eltern und der Beamte ratlos ins Körbchen: Im Ausweis fehlte noch die persönliche „Unterschrift des Inhabers“. Aber Immanuel schlief. Die Eltern schämten sich ein bißchen: Ihr Sohn konnte noch nicht einmal drei Sternchen machen. Hatte er den Ernst der Lage nicht begriffen? Kurz entschlossen verwies der Beamte auf „siehe Seite 8“ und griff zum Stempel, den das Amt für solche Fälle angefertigt hat: „Ausweisinhaber ist schreibunkundig.“