R. S., Bonn, im März

Das Gespräch des britischen Premierministers mit dem Bundeskanzler hat dazu geführt, daß man sich besser versteht. Wilson kam eher skeptisch nach Bonn. Das Ergebnis seines Besuchs übertraf, so scheint es, seine Erwartungen. Die deutschen Verhandlungspartner zeigten sich vor allem in der für Großbritannien wichtigen Frage der Devisenhilfe konzessionsbereit.

Zwar wurden nicht alle britischen Wünsche erfüllt. Es wurde kein neues Devisenhilfe-Abkommen abgeschlossen, wie man es auf englischer Seite wohl erhofft haben mag. Aber die bestehenden Vereinbarungen werden verbessert. Von den Devisenverlusten, die England durch die Stationierung der Rheinarmee in der Bundesrepublik entstehen, soll noch mehr als bisher durch deutsche Einkäufe in England ausgeglichen werden. Darüber hat man sich grundsätzlich verständigt. Zahlen wurden allerdings nicht genannt. Die von englischen Zeitungen erwähnten 90 Millionen Pfund wurden bei den Besprechungen in Bonn nicht erwähnt. Die Schätzung ist wohl auch etwas zu hoch gegriffen.

London soll nun entsprechende Warenangebote ausarbeiten. Dabei wird es freilich auch auf die Preiskalkulation ankommen. Im Frühjahr wird der stellvertretende britische Schatzkanzler mit den Bundesfinanzminister darüber verhandeln. Da der Ankauf von Waffen und Ausrüstungsgegenständen für die Bundeswehr allein zur Schießung der Devisenlücke nicht ausreicht, sollen auch Waren für den zivilen Gebrauch in England gekauft werden. Man denkt außerdem an eine Zusammenarbeit bei der Entwicklungshilfe, bei Forschungsprojekten und bei der Entwicklung vor Flugzeugen. Konfrontiert mit diesen Angeboten, erwähnte Wilson die Reduktion der britischen Rheinarmee mit keinem Wort.

Über die Chancen einer Annäherung zwischen EWG und EFTA gibt man sich auf beiden Seiten keinen Illusionen hin. Es kann bestenfalls einen Brückenschlag geben. Den hält Wilson allerdings für möglich, und er ist darin nach seinen Bonner Gesprächen zuversichtlicher als vorher. Wilson machte aber keinen Hehl daraus, daß ein Beitritt Englands zur EWG vorläufig nicht in Frage komme. Ihm gehen die gemeinsamen Interessen Großbritanniens mit dem Commonwealth vor. Er gab unmißverständlich zu erkennen, wie eneigisch er sie verteidigen würde, falls eines Tages doch ernsthaft über den Beitritt Englands zur EWG verhandelt werden sollte.

Die MLF-ANF-Pläne für eine atlantische Atomstreitmacht wurden nur am Rande behandelt Wilson, der in der Pressekonferenz geschickt, schlagfertig und oft sehr witzig antwortete, gab sich so, als sei er sich über die Aussichtslosigkeit dieses Unternehmens völlig im klaren.

Von Disengagement-Ideen, wie man sie ihm und seiner Partei häufig unterstellt hat, distanzierte er sich mit aller Deutlichkeit. Er lehnte jede mili:ärische „Verdünnung“ ab, die das bestehende Kräfteverhältnis zwischen Ost und West zu Lasten des Westens verändern könnte. In der Deutschlandfrage bekannte sich der britische Premierminister zu dem Alleinvertretungsrecht der Bundesrepublik und der Wiedervereinigung durch freie Wahlen – ein unter den gegebenen Umständen freilich nicht sehr kostspieliges Bekenntnis. Aber es hat doch einen psychologischen und propagandistischen Wert, den die Bundesregierung nicht unterschätzt.