Man sollte es kaum für möglich halten: erst ein Jahr ist es her, daß in der Bundesrepublik allen Ernstes über eine zweite Aufwertung der Mark diskutiert worden ist. Geblendet von der „Gefahr“, unser Überschuß im Außenhandel könnte 8 oder gar 10 Milliarden Mark erreichen, hatten im März 1964 eine Reihe von Experten für diese Maßnahme plädiert. Sie wollten den Export gewaltsam drosseln – aus Angst, wir würden sonst wieder wie im Jahr 1960 zuviel Devisen anhäufen und uns dadurch die Inflation der anderen ins Land schleppen.

Und heute? Die Zahlen von 1964 zeigen deutlich, daß die Aufregung von damals völlig unbegründet war. Zunächst einmal wurden nicht 8 oder 10, sondern nur 6 Milliarden Mark Überschuß im Außenhandel erzielt – und diese 6 Milliarden haben gerade ausgereicht, um unser Defizit bei anderen Positionen der Zahlungsbilanz auszugleichen. Mit anderen Worten: Die Bundesbank hatte zum Jahresende nicht mehr Gold und Devisen in ihrem Tresor als am Anfang des Jahres.

Gewiß erlebt unser Außenhandel noch immer eine Hochkonjunktur – aber dieser Boom macht sich vor allem beim Import und weniger beim Export bemerkbar. Bereits im vergangenen Jahr war ein deutlicher Tendenzumschwung zu erkennen. Im ersten Halbjahr 1964 hatte die Ausfuhr (gegenüber der gleichen Zeit 1963) noch um fast 16 Prozent zugenommen, die Einfuhr nur um knapp 8 Prozent. Im zweiten Halbjahr zeigte sich ein völlig anderes Bild: Exportsteigerung nur noch gut 7 Prozent, Zunahme der Importe dagegen 17 Prozent. Auch in den ersten Wochen des neuen Jahres ist die Einfuhr schneller gewachsen als die Ausfuhr. Folge: unsere Exportüberschüsse schmelzen zusammen.

Diese Entwicklung ist ein Beweis dafür, daß man wirtschaftspolitische Entscheidungen nie aus einer Panik heraus treffen darf. Wäre die Exportkonjunktur im Frühjahr 1964 durch eine neue Aufwertung künstlich unterbrochen worden, so müßten wir uns heute wahrscheinlich bereits Gedanken darüber machen, wie wir unsere Ausfuhr wieder künstlich fördern können. Denn die Bundesrepublik ist auf einen hohen Exportüberschuß angewiesen – wie sollten wir die Milliarden Mark an Devisen aufbringen, die wir allein auf unseren Auslandsreisen ausgeben und die von den Gastarbeitern nach Hause geschickt werden.

Der Präsident der Landeszentralbank von Baden-Württemberg, Dr. Otto Pfleiderer, hat vor kurzem erklärt, es sehe so aus, als müßten wir von der langen Periode der Zahlungsbilanzüberschüsse Abschied nehmen. Pfleiderer: „Eine passive Zahlungsbilanz könnte einen bedenklichen Einfluß auf die Gesamtnachfrage und das Beschäftigungsniveau in der Bundesrepublik haben.“

Manchem mögen die 29 Milliarden Mark Gold und Devisen der Bundesbank als ein gutes Ruhekissen erscheinen. Doch täuschen wir uns nicht über die Proportionen. Für 29 Milliarden Mark würden wir nicht mehr als ein Viertel des Aktienkapitals von General Motors erhalten (Dieser umsatzstärkste Industriekonzern der Welt wird gegenwärtig an der Börse in den USA mit rund 110 Milliarden Mark notiert) Oder anders herum: unsere Devisenvorräte reichen nur aus, um unsere Einfuhr von sechs Monaten zu bezahlen.

Die Bundesrepublik lebt zu einem guten Teil vom Export. Sie kann sich überdies immer noch nicht, wie die USA, England oder die Schweiz, auf ein in Jahrzehnten gewachsenes großes Vermögen im Ausland stützen. Wir sollten aus den Erfahrungen von 1964 lernen, daß es in unser aller Interesse liegt, die Leistungsfähigkeit unserer Exportindustrie weiter zu erhöhen – und nicht bei jedem Erfolg, ängstlich „Vorsicht, Boom“ schreien.

Diether Stolze