Wird Chile der Musterknabe Südamerikas? Ein unerwartet hoher Wahlsieg hat dem seit September amtierenden Präsidenten Eduardo Frei jetzt für seine „Revolution in Freiheit“ freie Bahn gegeben; für soziale Reformen ohne Anleihen bei Mao, Lenin oder Fidel Castro und ohne faschistischen Betrug.

Frei, Anwalt und Professor Schweizer Herkunft, mußte bisher ohne Mehrheit im Parlament regieren. Jetzt haben seine Christlichen Demokraten (sie stehen so weit links wie in Europa die Sozialdemokraten) die absolute Mehrheit erreicht (ihre Mandate erhöhten sich von 28 auf 82 von 147 Sitzen); die Volksfront des Castro-Verehrers und Arztes Salvador Allende hat vorerst ihre Chancen verspielt. Immerhin hatten es die Chilenen leichter als die übrigen Südamerikaner: Sie konnten in Freiheit zwischen einer Reformpartei und einer legalen kommunistischen Partei (18 Mandate) wählen.

Die großen Probleme Chiles lassen den Reformern nicht mehr viel Zeit. Nach dem großen Erdbeben im Mai 1960 ist die Zahl der fehlenden Wohnungen auf 500 000 gestiegen. Alljährlich müssen der Bevölkerung 60 000 neue Arbeitsplätze erschlossen werden. Die Nahrungsproduktion bleibt seit einigen Jahren hinter den Bedürfnissen zurück.

Zu eng ist die Wirtschaft des Landes noch an den preisanfälligen Kupferbau (60 Prozent der Exportgüter) gefesselt. Fast 90 Prozent des chilenischen Kupfers wird von den nordamerikanischen Firmen Anaconda und Braden Copper Co. gefördert. Präsident Frei muß erreichen, daß der größte Teil des Erzes auf chilenischem Boden verhüttet wird, darum braucht er Kapitalanteile für die chilenische Regierung.

Unbefriedigend ist auch das Wachstum der landwirtschaftlichen Produktion. 75. Prozent des Bodens gehören 1,5 Prozent der Landbesitzer. Das Heer von armen Pächtern, Landarbeitern und Tagelöhnern ist entsprechend groß.