„Man kann den Durchschnittsbürger in England nur schwerlich davon überzeugen, daß er für die Streitkräfte in Deutschland die volle wirtschaftliche Last tragen soll.“ Mit dieser Erklärung des britischen Verteidigungsministers Healey begann vorige Woche eine neue Runde im Streit um die Rheinarmee.

Die 51 000 Soldaten, die England zur Zeit in der Bundesrepublik stationiert hat (4000 weniger als geplant), kosten jährlich etwa eine Milliarde Mark. Das sei entschieden zuviel, meinen die Engländer, deren Wirtschaft schon seit langem an Devisenmangel krankt. Im Mai 1964 forderte bereits die konservative Regierung von den Deutschen eine Devisenhilfe von 660 Millionen Mark jährlich, 410 Millionen mehr, als Bonn geboten hatte. Die Regierung Erhard verpflichtete sich aber nur zu möglichst hohen Käufen, hauptsächlich für die Rüstung. Doch flössen die Gelder nur spärlich in die britischen Kassen, da sich die Bundeswehr lieber an ihre US-Lieferanten hält.

Noch ehe Premierminister Wilson nach Bonn kam, stand es fest, daß er Bundeskanzler Erhard vor die Wahl stellen würde: entweder mehr Devisenhilfe oder weniger britische Soldaten am Rhein.

Allerdings kann London die Rheinarmee nur mit Zustimmung der sechs Partner in der Westeuropäischen Union verringern. 1954 hatte sich England in den Pariser Verträgen verpflichtet, auf dem europäischen Kontinent dauernd vier Divisionen und eine taktische Luftflotte zu unterhalten, die nur bei akutem Notstand in Übersee abgezogen werden dürfen. Jene Verpflichtung war London eingegangen, um die französische Besorgnis, vor einer neuen Wehrmacht zu zerstreuen.

„Hart, aber konstruktiv“ verhandelte Wilson in Bonn über dieses „trostloseste Evergreen“ (Times) der deutsch-englischen Beziehungen set 1958. Neue Vorschläge wurden auf den Tisch gelegt: deutsche Beteiligung an den Stationierungskosten, Zusammenarbeit in der Entwicklungshilfe oder beim Flugzeugbau. In den nächsten Monaten sollen die Experten weiterverhandeln. Aber Wilson gab keine Garantie, daß die Stärke der Rheinarmee erhalten bleibt.

Befriedigender für Bonn waren Wilsons Zusicherungen für eine gemeinsame Wiedervereinigungspolitik der Westmächte. Auch die britische Präsenz in Berlin wurde von dem Labour-Premier bekräftigt, und zwar durch eine Geste, wie sie noch kein anderer Staatsmann des Westens bezeugt hatte: Für seine Reise nach Bonn wählte er den Umweg über Berlin. Kennedy war seinerzeit von Bonn aus, zusammen mit dem Bundeskanzler, in die ehemalige Reichshauptstadt geflogen, und de Gaulle hatte sich überhaupt nicht in Berlin blicken lassen.