Klaus Schoenthal (Herausgeber): Der neue Kurs; Deutscher Taschenbuch Verlag, München; 317 Seiten, 3,80 DM.

Jeder Monat, mit dem wir uns von Kennedys jähem Tod in Dallas entfernen, macht uns deutlicher, was wir verloren haben. Müssen wir uns nicht in der Verwirrung der amerikanischen Politik in Südvietnam angesichts der immer betonteren weltpolitischen Eigenständigkeit de Gaulles oder der Desorientierung der Bonner Diplomatie fragen, ob dies alles auch so gekommen wäre, wenn Kennedy das westliche Ruder in der Hand behalten hätte? Erst recht drängen sich solche Fragen auf, wenn wir an Hand der wichtigsten Texte der wenigen Kennedy-Jahre zurückschauen und ermessen, wie eng in ihnen langfristige Konzeptionen, nüchternes Denken, taktisches Geschick und propagandistische Wirkung auf die Öffentlichkeit miteinander verbunden waren.

Doch der von Klaus Schoenthal sorgfältig edierte und eingeleitete Band dient nicht nur der Erinnerung. Denn noch immer ist Kennedys Strategie die Grundlage der amerikanischen Außenpolitik, wenn diese auch heute meist weniger prinzipiell, weniger flexibel und weniger kraftvoll in Szene gesetzt wird als vor einigen Jahren. Unwillkürlich vergleicht man bei der Lektüre der Kennedy-Dokumente Johnson mit seinem Vorgänger, und man weiß danach genauer, warum sich das Unbehagen nicht unterdrücken läßt, wenn man jetzt an die Führung Washingtons in der westlichen Welt denkt.

Aber die Kennedy-Texte zeigen noch mehr. Sie demonstrieren uns, daß Außenpolitik zielstrebig sein kann, auch und gerade unter den Bedingungen der modernen Massendemokratie. In der außenpolitischen Misere der Bundesrepublik fehlt es nicht an Stimmen, die uns suggerieren möchten, eigentlich sei das System an allem schuld. Ein Staat, der auf den Konsensus vieler und unterschiedlicher Kräfte angewiesen ist, in dem es ständig ein Gewirr von tausend Stimmen gibt, könne es ja gar nicht zu konzentrierter Willensbildung auf der internationalen Bühne bringen. Die Zeugnisse aus Kennedys Amtszeit widerlegen diese Behauptung gründlich. Nicht zuletzt deshalb wünscht man dem kleinen Band bei uns eine weite Verbreitung. Denn er belehrt uns, daß ein starkes Führertum und ein freies Land sich durchaus zusammenfinden können.

Recht geschickt hat der Herausgeber seinen Stoff gegliedert. Von der Perspektive des Anfangs geht er aus. Er zeichnet zunächst Kennedys Kritik an Eisenhower nach und charakterisiert den Entwurf des neuen Ansatzes. Dann wird geschildert, welche unmittelbaren Aufgaben zu lösen waren und wie sich dann Zug um Zug ein weltpolitisches Programm entwickelte, das drei Schwerpunkte aufwies. Der eine lag im neuen Verhältnis zur Sowjetunion, nachdem die volle amerikanische Ebenbürtigkeit auf allen Ebenen der militärischen Auseinandersetzung wiederhergestellt worden war. Der zweite Schwerpunkt zielte auf ein neues Verhältnis zwischen den Vereinigten Staaten und Westeuropa als Antwort auf die Herausforderung de Gaulles, und ein dritter drang schließlich auf die Fortsetzung der Eindämmungspolitik in Ostasien im Krisenherd Südvietnam.

Man hätte sich nur noch gewünscht, daß ein eigenes Kapitel Kennedys Verhältnis zu Lateinamerika und seiner Auffassung von der Hilfe für die Entwicklungsländer gewidmet worden wäre. Der Herausgeber hat jedem Kapitel eine kluge Einleitung vorangestellt, die die nachfolgenden Dokumente in den größeren historischen Zusammenhang einordnen. Alles in allem ist ein verdienstvolles Unternehmen geglückt.

Waldemar Bessow