Im Jahre 1901 wurde der erste Lohntarifvertrag der deutschen Sozialgeschichte zwischen einem Arbeitgeberverband und einer Gewerkschaft abgeschlossen. Nun liegt auch die erste Kollektivvereinbarung über Vermögensbildung auf dem Tisch.

Wenn auch noch die endgültige Zustimmung des Fußvolks beider Seiten aussteht und im übrigen abzuwarten bleibt, ob der zwischen den Spitzenfunktionären der Bauwirtschaft und der Industriegewerkschaft Bau ausgehandelte Vertrag ebenso Geschichte machen wird wie sein Pendant um die Jahrhundertwende, so ist dem Initiator dieser Aktion, Georg Leber, wohl doch soweit zuzustimmen, daß das Zustandekommen dieses Abkommens ein Ereignis von einiger Bedeutung ist.

Und auch deswegen ist die nach langen Verhandlungen zwischen den Tarifpartnern der Bauwirtschaft erfolgte Einigung zu begrüßen: Nach Jahren erbitterter Auseinandersetzungen im abstrakten Raum theoretischer Erörterungen über das Für und Wider einer über Kollektivverträge ausgelöster Ansammlung von Vermögenswerten in der Hand der Arbeitnehmer werden wir nun Gelegenheit haben, praktische Erfahrungen auf einem Gebiet zu sammeln, das bis zur Stunde noch weitgehend unerforschtes sozialpolitisches Niemandsland ist. Iin einigen Jahren werden wir Näheres darüber wissen.

Der Vertrag selbst ist ein Kompromiß zwischen dem „Leber“- und dem „Pfeiffer-Plan“. Die IG Bau schlug vor, daß jeder Arbeitgeber der Bauwirtschaft jährlich 1,5 Prozent der Lohnsumme an einen Fonds abführen sollte, von dem dann die Arbeitnehmer nach Ausscheiden aus dem aktiven Arbeitsleben Vermögenszertifikate erhalten sollten. Die Arbeitgeber konnten sich mit diesem Fonds, wegen seiner Größenordnungen und den mit ihm verbundenen Zwangseingriffen in das Verfügungsrecht des Sparers, nicht befreunden; sie machten ihre Zustimmung zu diesem Vorhaben, im übrigen auch von einer eigenen Sparleistung ihrer Arbeiter und Angestellten abhängig.

Geeinigt hat man sich nun darauf, daß die Arbeitgeber vom 1. Januar nächsten Jahres an jedem von ihnen beschäftigten Arbeitnehmer zusätzlich zum Barlohn neun Pfennig pro Arbeitsstunde in die Sparbüchse stopfen, falls dieser bereit ist, aus eigener Tasche zwei Pfennig dazuzulegen. Die gesparten Beträge, im Jahr etwa 200 Mark, bleiben nach den Bestimmungen des 312-Mark-Gesetzes für fünf Jahre gesperrt. Die Art der Anlage – Sparkonto, Bausparverträge, Wertpapiere – bleibt dem Ermessen des einzelnen Arbeitnehmers überlassen. Letzten Endes also wird es von seiner ganz persönlichen freien Entscheidung abhängen, ob er sparen und von den Vergünstigungen dieses Abkommens Gebrauch machen will.

Die Grunddirektive moderner Sozialpolitik, von den unseligen Alternativen der Vergangenheit loszukommen und die eigene Anstrengung des Individuums und die Hilfe durch das Kollektiv in eine sich gegenseitig ergänzende Zuordnung zu bringen, ist hier in einer geradezu idealen Weise zum Zuge gekommen.

Nicht zuletzt aus diesem Grunde ist das Abkommen in der Bauwirtschaft zu begrüßen. Dieser Erkundungsvorstoß in neue sozialpolitische Regionen liegt in den guten Händen einer mittlerweile bewährten Avantgarde. Demgegenüber ist es symptomatisch, daß die Spitzenverbände beider Seiten, die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände und der Deutsche Gewerkschaftsbund, aus ihrem Mißvergnügen über diesen Vertrag keinen Hehl machen.