Von Josef Müller-Marein

Es ist ein großes geistiges Vergnügen, Meisterwerken der Kunst auf zweierlei Weise nähertreten zu dürfen: sowohl an Hand ästhetischer Unterweisung als auch durch Unterrichtung über Zeit und Umstände, in denen sie entstanden. Freilich sind Interpreten äußerst selten, die dazu berufen sind, zur kunstkritischen, auch die zeitkritische Analyse hinzuzufügen. Dies vermögen nur universelle Köpfe, denen nicht nur klar ist, daß nichts zufällig geschieht, sondern die zugleich jene Angelpunkte zu finden wissen, die man nur solange „Zufall“ nennt, als sie im Verborgenen bleiben.

Daß diese Angelpunkte, um die sich originäres künstlerisches Wirken dreht, meist in privatem Erlebnis des Künstlers zu suchen seien, das wird im allgemeinen zu eilfertig vermutet. Manchmal wird man bei politisch-historischen Betrachtungen, bei philosophischen oder religionsgeschichtlichen Studien den Schlüssel zum Geheimnis eines Kunstwerkes finden. Wie dies anzufangen sei, dafür liegt ein großartiges Beispiel vor –

Richard Tüngel: „400 Jahre Kunst, Kultur und Geschichte im Prado“; Schweizer Druck- und Verlagshaus, Zürich; 240 S., 144 Abb., 68,– DM.

Der Anlaß erlaubt es, über die Persönlichkeit des Autors einiges in das Gedächtnis der Leser zurückzurufen: Richard Tüngel, Sohn eines bedeutenden Hamburger Arztes, war Oberbaurat in seiner Vaterstadt, bis er im „Dritten Reich“ aus dem Staatsdienst entfernt wurde. Dies passierte ihm vor allem deshalb, weil er gegen das kunstpolitische Banausentum des braun-uniformierten Machthabers protestiert hatte. Kunstgeschichte war neben der Architektur Tüngels Studium gewesen; Kunstästhetik blieb seine Leidenschaft. Sollte ihm dabei noch etwas an der Erfahrung gefehlt haben, Echtheit und Qualität eines Bildes zu beurteilen, so wurde sie ihm in Berlin zuteil, wo er, der nun als Kunstschriftsteller lebte, sich auch im Kunsthandel versuchte. Eine harte Schule – darüber hat er im nachhinein noch oft gestöhnt! Jeder Irrtum wird da mit Geld gebüßt, und das ist schlimm, wenn man so gut wie keines hat.

Die Erinnerung daran, daß Richard Tüngel zu den Gründern der ZEIT gehörte, dabei ihren Charakter wesentlich mitbestimmte und als Chefredakteur fast zehn Jahre lang durchformte, müßte an dieser Stelle nicht erst wachgerufen werden. Es geschieht auch nur, um darzulegen, daß in diesen ersten zehn Jahren unserer neuen Demokratie das politische Temperament im Wesen dieses durch und durch künstlerischen Mannes durchbrach, wobei er das Eigentliche seiner Natur nie vergaß: Einmal – so weiß ich – nahm er in der ZEIT gewisse idealistische „Mitläufer“ des gerade vorübergegangenen Gewaltsystems in Schutz, indem er – das Schicksal des spanischen Malers Goya heranzog. Und dies nicht nur deshalb, weil kunsthistorische Reminiszenzen den damals mächtigen Militärbehörden leidlich unverdächtig erscheinen konnten, sondern vornehmlich, weil Tüngels Fach und Leidenschaft die Kunstgeschichte ist.

Was das Fach angeht: er wäre darin – wie sagt man noch? – eine Zierde jeder Universität gewesen. Was das kunstkritische Temperament betrifft: es wärmt ihn seit zehn Jahren, da er – procul negotiis – das Glück hat, sich dem widmen zu können, was ihm sein Leben lang am Herzen lag, der Kunst.