Von Enno Patalas

Western sind zur Zeit die große Kinomode. Ich meine nicht die Karl-May-Welle der bundesdeutschen Produktion – und verwandte Erscheinungen in der italienischen und spanischen. Ich meine die bis jetzt zwar weniger spektakuläre, darum aber nicht weniger bedeutsame intellektuelle Westernmode, die gleichermaßen auf der Produktions- wie auf der Konsumseite zum Ausdruck kommt.

Hollywood, das diese Gattung seit zwei Jahren ein wenig vernachlässigt hatte, bringt ihr gerade in dieser Saison ein erneutes und gewandeltes Interesse entgegen. Es überläßt sie nicht mehr den darauf spezialisierten einheimischen Regieveteranen, sondern engagiert an ihrer Stelle etwa den Japaner Akira Kurosawa und den Franzosen Serge Bourguignon die im Rufe höchster Intellektualität stehen, und bemüht sich gar um Michelangelo Antonioni. Zugleich beginnen hierzulande (nach französischem Vorbild) einzelne Filmkunsttheater damit, Western zu spielen; ein angesehener Verleih offeriert eine Westernstaffel; und das Oberhausener Kurzfilmfestival veranstaltete eine Westernretrospektive (Auswahl: Peter H. Schröder und Uwe Nettelbeck).

Bisher lief jeder Western, ob gut oder schlecht, im darauf spezialisierten Bumskino; allenfalls ein paar „Edelwestern“ wurden die Weihen einer Premiere in prominentem Hause zuteil. Die Kritik akzeptierte diese vom Verleih vorgenommene Klassifizierung: In „Zwölf Uhr mittags“ ging der Feuilletonchef persönlich, für die „Meuterei am Schlangenfluß“ genügte ein Volontär, der in fünfzehn Zeilen pflichtschuldigst Herablassung dokumentierte.

Die entscheidende Voraussetzung für Verständnis und Genuß von Western ist Informiertheit. Die Vorstellung, die sich in der gelegentlichen Aufführung eines Westerns in einem „Gilde“-Kino, in der Aufnahme von zwei oder drei „Spitzenwestern“ in ein anspruchsvolles Verleihprogramm, in der Zurschaustellung eines „repräsentativen Querschnitts“ durch mehrere Jahrzehnte Westernproduktion ausspricht: die Vorstellung, ein guter Western lasse sich auf dieselbe Weise, mit denselben Voraussetzungen erkennen, verstehen und genießen wie ein anderer guter Film – diese Vorstellung ist falsch.

Die Informiertheit des gebildeten Filmfreundes, der seinen Carné, seinen Bergman und noch seinen Antonioni studiert hat, ist durchaus keine hinreichende Basis für das Verständnis eines guten Anthony Mann, Howard Hawks oder Budd Boetticher. Damit will ich nicht sagen, daß für die Qualität von Western prinzipiell andere Kriterien zu gelten hätten. Nur: sie anzuwenden im konkreten Fall, verlangt beim Western wie bei jedem anderen Kunstwerk Kenntnis des spezifischen Zusammenhanges, aus dem heraus er entstanden ist, auf den er reflektiert.

Wichtig ist der historische Aspekt, den zu erkennen der häufige Besuch von Western lehrt. Man kann den Rang eines Westernfilms geradezu daran messen, in welchem Grade er Geschichtsbewußtsein verrät. Natürlich spielt es dabei keine Rolle, ob das Bild, das ein Film von Billy the Kid, Jesse James oder Bill Hickcock entwirft, dem derzeitigen Wissen der Forschung über diese Themen entspricht. Aber: welche Bedeutung das Vordringen der Siedler in das von Viehzüchtern beherrschte Land oder die Erschließung des Westens durch Eisenbahn- und Telegraphenlinien hatte, und zwar für die Ausprägung des modernen amerikanischen Charakters, welche Verdrängungen hier statthatten und welche seelischen Formationen der gewaltsame Vorstoß der modernen Zivilisation zur Folge hatte – das vermag ein Western darzustellen, und diese Darstellung macht mit seinen Wert aus. Es handelt sich dabei nicht nur um amerikanische Geschichte: Der Prozeß, der sich im amerikanischen Westen in den Jahrzehnten vom Civil War bis zur Aufnahme der letzten Staaten des Südwestens in die Union vollzog, ist das Paradigma aller Prozesse, die im Abendland zur Ausbildung der modernen Gesellschaft führten.