In zwei Folgen haben wir bisher die Beobachtungen veröffentlicht, die Jean Cau nach einem Besuch in der Bundesrepublik aufzeichnete. Dabei hat sich der französische Autor mit der deutschen Schuld und den „unschuldigen Deutschen“ beschäftigt.

Die Völker sind vergeßlich, das deutsche Volk wie das französische und wie die anderen Völker. Aber es bleibt ein Unterschied: Die Deutschen, die so methodisch beim Massaker waren, sind methodisch auch in ihren Gewissensbissen. Und so, wie sie gestern Spezialisten für Mord hatten, so haben sie heute Spezialisten für Reue.

Ich kaufe die „Süddeutsche Zeitung“. Zweiundsechzig Seiten Text und Inserate. Unten auf einer Seite ein „Kasten“. Es ist „Das Wort zum Samstag“, den Lesern zur Meditation gewidmet. Und ich lese: „Deutschland ist wie ein schönes Pferd, gut im Fell, ein Pferd, wie es sein muß. Aber es hat keinen Reiter, der es lenkt. Ihm fehlt ein vernünftiger Kopf, der es führt... Es gibt keine Nation, die mehr verachtet wird als die deutsche. Die Italiener halten uns für Dummköpfe; Frankreich und England spotten über uns, und so alle anderen Länder. Aber wer weiß, was Gott mit uns noch vorhat, obwohl wir verdient haben, gezüchtigt zu werden.“ (Martin Luther)

Daraus geht hervor, daß das deutsche Volk – wie das jüdische – ein auserwähltes Volk ist. Und daraus wiederum geht hervor, daß die „Endlösung“ des „Judenproblems“ das radikalste Mittel wurde, dem Streit um das „Auserwähltsein“ ein Ende zu setzen. Denn Gott hat wieder einmal nicht gewählt, obwohl die Deutschen so grimmig und blutdürstig versucht haben, seine Entscheidung herbeizuzwingen. Keiner ist auserwählt – es sei denn, daß man, wie André Schwartz-Bart (Autor des „Letzten der Gerechten“) und wie Martin Luther, dazu gelangt, den Grad seines Auserwähltseins am Grad seines Martyriums zu messen.

Es war im Jahre 1938, daß ein kleines Mädchen geboren wurde, dessen Vater sich Hermann Göring nannte: Reichsmarschall, Chef der Luftwaffe, zweiter Mann nach Hitler. Und es herrschte große Freude in ganz Deutschland. Telegramme flatterten herbei, Geschenke trafen ein von millionenfachem Wert. Die Stadt Köln in ihrem Enthusiasmus trennte sich von einem Bilde von Lucas Cranach, das in ihrem Museum hing, und offerierte es der kleinen Edda. Anno 1964, sechsundzwanzig Jahre später, fordert Köln sein Geschenk zurück.

Gewiß, das Geschenk war einstimmig dargeboten worden, aber diese Einstimmigkeit war „teils eine nazistische, teils eine erzwungene“ gewesen. Also forderte das gute Köln das zurück, was das böse Köln verschenkt hatte.

Edda Göring denkt ganz anders. Und so wird das Bundesgericht in Karlsruhe entscheiden müssen, ob das Bild, das 1938 einem kleinen Mädchen geschenkt wurde, auch im Jahre 1964 noch das legitime Eigentum einer jungen Frau ist, die einen zu berühmten Namen trägt. Fräulein Edda Göring hat übrigens erklärt, daß sie, wenn sie den Prozeß gewänne, das Bild dem Staat schenken würde. Sie verteidigt sich nur aus Prinzip.