Von Hans-Joachim Schoeps

Carl Hinrichs: Preußen als historisches Problem; Verlag Walter de Gruyter, Berlin; 430 Seiten, 28,– DM

Richard Dietrich (Herausgeber): Preußen, Epochen und Probleme seiner Geschichte; Verlag Walter de Gruyter, Berlin; 200 Seiten, broschiert 12,– DM

Harald von Koenigswald und Hans-Joachim Merkatz (Herausgeber): Besinnung auf Preußen; Verlag Gerhard Stalling, Oldenburg; 152 Seiten, 12,80 DM

Da die archivalische Hauptquelle für neue Darstellungen zur preußischen Geschichte: das Geheime Preußische Staatsarchiv (jetzt Deutsches Zentralarchiv) sich heute in Merseburg befindet, konnten in der letzten Zeit nur noch sehr wenige Werke dieses Genres erscheinen. Von den hier anzuzeigenden ist das erste Buch mit Abstand das wichtigste. Von Carl Hinrichs, dem leider zu früh (1962) verstorbenen Berliner Historiker, werden hier nach seinem Tode eine Reihe von Essays vorgelegt, die aus den archivalischen Vorarbeiten zum zweiten Band seines Lebensbildes von Friedrich Wilhelm 1. – der erste Band erschien 1941 – erwachsen sind; einiges davon war bisher ungedruckt.

Aus den einzelnen Beiträgen der ersten Abteilung des Buches erwächst ein plastisches Bild des Soldatenkönigs, der auch die Zivilverwaltung dem militärischen Kommando unterworfen wissen wollte: „Ich habe Kommando bei meiner Armee und soll nicht Kommando haben bei die tausend sakramentischen Blackisten (Tintenkleckser)?“ Gleichwohl war aber Friedrich Wilhelm I. kein Militarist, da er ein durchaus gebrochenes Verhältnis zur Macht und Machtanwendung hatte. Den Terminus „Macht“ gebrauchte er überhaupt nicht; er sagte dafür: „meine zeitliche Wohlfahrt“. Der pietistisch getönte Kardinalbegriff dieses Königs war die „Gottesfurcht“. „Parol auf dieser Welt ist nichts als Müh’ und Arbeit“, hat er einmal gemeint. Zwischen diesem König mit seinen politischsozialen Bestrebungen und dem Wortführer der Pietisten August Hermann Francke, der mit dem Halleschen Waisenhaus und Pädagogium ein großes Reformwerk geschaffen hatte, besteht ein enger Zusammenhang. Das Bündnis mit der Krone und mit dem preußischen Pietismus ist übrigens schon unter seinem Vater abgeschlossen worden, wie Klaus Deppermann (Der Hallesche Pietismus und der Preußische Staat unter Friedrich I., Göttingen 1961) aus den Akten nachgewiesen hat.

Natürlich werden auch der Kronprinzenprozeß, dessen Akten Hinrichs seinerzeit (1936) herausgegeben hatte, und die Katte-Exekution behandelt, die die Gesinnungsänderung des Thronfolgers bewirken sollte. Hinrichs deutet die Hinrichtung Kattes in einer mich überzeugenden Weise im Kern als „einen ins Furchtbare gesteigerten pietistischen Bekehrungsversuch, der bekanntlich in dieser Form gescheitert ist“.