Von Wolf gang Gentner

Was wir als Studenten gelernt haben, gilt heute längst als veraltet, und niemand von uns könnte es sich erlauben, eine Vorlesung des Inhalts zu halten, wie sie unsere Lehrer gehalten haben. In den Seminaren und Kolloquien lassen wir Älteren uns von den jungen Mitarbeitern über den neuesten Stand unserer Wissenschaft berichten. Denn wer käme bei den wachsenden Gebirgen von Zeitschriften dazu, auch nur die Titel noch ordentlich durchzulesen? Von einem Kongreß in Kalifornien fliegen die Physiker mit Düsenmaschinen zum nächsten in Moskau oder Tokio und weiter nach Frankreich oder Australien. Warum diese Hast, warum diese hektische Unruhe, die doch als Feind jeder wissenschaftlichen Arbeit angeprangert wird?

Jeder Physiker möchte aus dem Munde des Kollegen hören, wie er diese oder jene Fragestellung ansieht. Die Entwicklung des Experimentiergerätes geht so schnell vor sich, daß man kaum dazu kommt, es ordentlich zu beschreiben und noch weniger, das Geschriebene auch noch zu lesen. So fährt man eben hin, um mit eigenen Augen zu sehen. Preprints, Vorabdrucke, sind die Nahrung der Forscher geworden, denn bis die Arbeit richtig gedruckt ist, interessiert sie schon fast nicht mehr. Gleichzeitig wächst der Umfang des Wissensstoffes wie eine Exponentialfunktion. Da aber das menschliche Gehirn nur eine beschränkte Kapazität besitzt, so spaltet sich das Fach der Physik jedes Jahr in neue Untergruppen auf, und schon in einem kleinen Teilgebiet der Naturwissenschaften werden dauernd neue Spezialisten geboren, die die ursprüngliche Richtung fächerartig auseinandertreiben. Die Gelehrtenstube, wie wir sie noch aus unserer Studentenzeit kannten, das physikalische Kabinett unserer vorigen Generation, ist dem Mammutinstitut mit Hunderten oder Tausenden von Mitarbeitern gewichen.

Sitzt man in einem Flugzeug auf der Polarroute, so kann man sicher sein, andere Physiker zu treffen, die ebenfalls, aber zu einem anderen „Symposion“ eilen, wie diese Art von Blitzkongressen euphemistisch genannt werden. Dort berichtet ein Sprecher zusammenfassend über die eingesandten Arbeiten, und ein fleißig arbeitendes Laboratorium ist schon zufrieden, wenn die Arbeit des letzten Jahres wenigstens in einem kleinen Nebensatz erwähnt wird. Das Ende des Symposions führt zu einem Gespräch, wie man das nächste Mal zu einer vernünftigeren Diskussion ohne Zeitdruck kommen könnte. Das bewährte Heilmittel ist eine Aufspaltung in zwei oder mehr Symposia, und so bucht man gleich zwei neue Flüge für das nächste Jahr in verschiedene Erdteile, da man ja sonst nicht „auf dem Laufenden“ bleibt.

Personennamen treten ganz in den Hintergrund. Die Forschungsgruppe hat ihren Namen nach dem Ort des Laboratoriums oder der Bezeichnung der Experimentieranlage. Man fragt: „Kennen Sie die kurze Notiz über das neue Omega-Minus-Teilchen der Brookhaven-Gruppe mit den 33 Autoren? Oder man fragt: „Wer hat eigentlich an dem höchst wichtigen G-2-Experiment von CERN mitgearbeitet?“ Antwort: „Ja, das ist nach zweijähriger Arbeit gar nicht mehr genau festzustellen. Die Mitarbeiter waren zum Teil Gäste aus USA, die nur ein halbes Jahr geblieben sind, und die Zusammensetzung der Gruppe hat oft gewechselt. Soviel ich weiß, entstand die Idee für das Experiment bei einer Diskussion im Zimmer von B. Aber wer sie zuerst geäußert hat, war nachträglich nicht mehr sicher auszumachen. So haben wir eben alle Mitarbeiter der letzten zwei Jahre in alphabetischer Reihenfolge als Autoren angegeben.“ Der Zustand der vollkommenen Anonymität der Forschung scheint nahe zu sein.

Wie kam es zu dieser hektischen Entwicklung, die heute die Physik gepackt hat und morgen die Biologie erfassen wird? Denn diese explosionsartige Entwicklung ist sicher nicht nur für ein einzelnes Fach typisch. Die Chemie hat eine kleinere Welle schon früher erlebt, die Physik ist heute mitten darin und die Biologie zeigt Ansätze in der gleichen Art.

Betrachten wir zunächst etwas genauer die Arbeitsweise von Wilhelm Conrad Röntgen und Ernest Rutherford. Beide sind Pioniere der modernen Physik und doch sind sie grundverschieden.