Von Vitus Dröscher

Die Entdeckung der Bienensprache durch Karl v. Frisch gab der Wissenschaft die Möglichkeit, die Nektarsammlerinnen über mancherlei Unbekanntes in ihrem Leben zu „befragen“, während uns andere vielleicht ebenso interessante Tiere mit weniger gut ausgeprägtem Mitteilungsvermögen die „Antwort“ schuldig blieben. Gegenwärtig vergeht kaum ein Monat ohne neue aufregende Entdeckungen aus dem Reich dieser staatenbildenden Insekten. Deshalb gab uns Professor Martin Lindauer, einer der besten Bienenkenner und Ordinarius für Zoologie an der Universität Frankfurt, eine Bestandsaufnahme der erstaunlichen Gehirnleistungen jener winzigen Wesen.

Bereits die einfache Nektarsuche erfordert erhebliche Zuordnung-, Lern- und Gedächtnisleistungen. Wird eine Sammelbiene arbeitslos, weil das von ihr bisher ständig besuchte Blumenfeld verblüht ist, dann teilt ihr eine Suchbiene durch Tanzsymbole und Lautäußerungen Richtung und Entfernung einer neuen Sammelstelle mit und gibt ihr durch eine Kostprobe den Duft des Zielgebietes bekannt.

Die Suchbiene hat ein angeborenes Wissen um das Aussehen von Blüten. Bereits auf weitere Entfernung erkennt sie instinktiv an den Farben Gelb, Blau, Ultraviolett und den entsprechenden Mischfarben mögliche Nektarquellen. Aus wenigen Metern Abstand weisen ihr schließlich die Blütenformen den Weg.

Die Sammlerin, die durch die Tanzsprache nur ungefähr den Ort kennt, findet ihr Ziel zunächst mit Hilfe des ihr mitgeteilten Duftes. Beim ersten erfolgreichen Anflug merkt sie sich freilich die zu diesem Duft gehörige Blütenfarbe und -form, um bei allen folgenden Flügen in dieses Gebiet kostbare Suchzeit zu sparen. Befinden sich auf der neuen Wiese viele verschiedene Blumenarten, läßt sich das Insekt nicht irritieren. Es besucht ausschließlich Blüten mit dem Duft, der Farbe und der Form jener Blüte, die ihr in dieser Gegend zuerst Nektar spendete. Durch dieses selektive „Lernen auf den ersten Blick“, dieses Einprägen von Assoziationsmerkmalen nur in einem, allerdings sehr wichtigen und sinnvollen Moment entsteht die Blütenstetigkeit der Biene. Und das ist gerade das Besondere, das sie als Bestäuberin so wertvoll macht.

Zu den genannten Merkmalen lernt die Biene noch weitere fünf bis sieben hinzu, wie Qualität des Nektars, Tageszeit, in der die besuchte Blumenart besonders viel Nektar feilbietet, Landmarken, wie große Bäume, die die Flugstrecke und das Zielgebiet auch optisch kennzeichnen, Windverhältnisse und Verlauf der Sonnenbahn. Die Zeit, die das Insekt zum Lernen braucht, ist bei diesen Pflichtaufgaben verschieden lang.

Es hat also in jedem „Schulfach“ einen anderen Intelligenzgrad. Wie groß dieser in jedem Einzelfall ist, wird gegenwärtig im Institut Martin Lindauers erforscht.