Von Zbigniew Brzezinski

Der kalte Krieg in Europa hat seine einstige Bedeutung verloren. Er wurde mit Engagement und Leidenschaft geführt, solange beide Seiten glaubten, er könnte andauern, und solange sie sich ernsthaft bedroht fühlten. Beides trifft heute nicht mehr zu.

Der Westen hat erkannt, daß er die kommunistische Herrschaft in den osteuropäischen Ländern nicht beseitigen kann, daß er mit direkter politischer Aktion die Wiedervereinigung Deutschlands nicht herbeizuführen und vor allem die Sowjets nicht von den Ufern der Elbe zu vertreiben vermag. Die Kommunisten – und insbesondere die sowjetrussischen Führer – glauben heute nicht mehr an kommunistische Revolutionen im Westen. Die Rückschläge, die die Sowjets 1948/49 und 1958/62 in Berlin einstecken mußten, hatten auf die kommunistischen Erwartungen etwa die gleichen Auswirkungen wie die westliche Passivität während des ostdeutschen Aufstandes von 1953 und während der ungarischen Revolution im Jahre 1956 auf die Hoffnungen des Westens.

Widernatürlich – auch für Russen

Und doch ist der Status quo in Europa alles andere als zufriedenstellend. Die Teilung Europas an der Elbe ist widernatürlich und unhistorisch und steht nicht nur dem gegenwärtigen Trend zur wirtschaftlichen und politischen Vereinigung Europas, sondern vor allem der sich schnell ausbreitenden Vorstellung von einer europäischen Einheit entgegen. Kaum jemand in Europa auf beiden Seiten der Elbe wird behaupten wollen, daß die Teilung im Interesse der Europäer liege, und das gilt immer mehr auch für die Russen. Ganz gewiß ist sie nicht im Interesse des Friedens.

Und doch läßt die Politik, die ihre Wurzeln in Illusionen, Ängsten und Erwartungen der Vergangenheit hat, beide Seiten an der Trennungslinie gleichsam einfrieren. Inzwischen wächst die Gefahr, daß sich der Osten, ideologisch frustriert und zerrissen von internen Zerwürfnissen, gegen sich selbst wendet, wobei böse politische Explosionen nicht ausgeschlossen sind. Zur gleichen Zeit wachsen auch im Westen die Zerwürfnisse. Seine frühere Übereinstimmung, die vor allem in der Furcht vor der russischen Aggression begründet war, wird vom Zank über Prioritäten, Ziele und Interessen aufgeweicht.

Das Verhalten der Sowjets ist immer noch an die Erwartung gebunden, daß Westeuropa in sich zerfallen wird, und dementsprechend ist es immer noch das Hauptziel der sowjetischen Politik in Europa, diesen Zerfall herbeizuführen. Die deutsche Politik, beeinflußt von einer engstirnigen nationalen Perspektive, verfolgt nach wie vor Ziele, die einander im Grunde entgegengesetzt sind: nämlich die Wiedervereinigung und, jedenfalls formal, die Revision der bestehenden Grenzen. Diese zweite Zielsetzung bestärkt aber die Polen und Tschechen nur darin, alles zu tun, um eine Wiedervereinigung Deutschlands zu verhindern.