Helmut Schoeck: Die Soziologie und die Gesellschaften; Verlag Karl Alber, Freiburg; 456 Seiten, 46,– DM.

Es ist erfreulich, daß dieses schon seit Jahren vergriffene Werk des heute in den Vereinigten Staaten lehrenden österreichischen Soziologen wieder erhältlich ist. Denn es wendet, weit über eine bloße dogmengeschichtliche Aneinanderreihung hinausgehend, soziologische Betrachtungsweisen auf die Geschichte der Gesellschaftslehren selbst an. Schon im neuen Titel kommt dieser wissenschaftssoziologische Aspekt zum Ausdruck: „Die Soziologie ist ihren jeweiligen Gesellschaften zugeordnet. Jede Soziologie hat und braucht eine Gesellschaft. Zu einem gewissen Grade braucht aber auch jede Gesellschaft eine Soziologie zum Selbstverständnis.“

Indem Schoeck auf diese Weise soziologische Texte von Platon und Aristoteles bis zu Karl Mannheim, Max Weber und Talcott Parsons kommentiert, verfällt er auch nicht der bloß ideengeschichtlichen Suche nach Beeinflussungen und Analogien. Was sein Buch bietet, ist vielmehr eine „Soziologie der Soziologie“. Immer wieder reflektiert er die gesellschaftlich-geschichtlichen Konstellationen, die erst das Bedürfnis nach soziologischer Theorie und Praxis produzieren. So hat sich zwischen Aristoteles und dem Aquinaten – also immerhin in einem Zeitraum von rund einundeinhalb Jahrtausenden – für den auf Familie, Herrschaftsstruktur, Schichtung und Arbeitsteilung gerichteten soziologischen Blick so wenig geändert, daß Thomas ohne Schwierigkeiten das gesellschaftskundliche Instrumentarium der Antike übernehmen konnte.

Dagegen hat „erst das moderne Bewußtsein die Hellhörigkeit erreicht, um mit der Soziologie, gleichsam einem Seismographen, den leisen Erschütterungen und Veränderungen in der sozialen Erdkruste zu folgen“. Von diesem Augenblick der Reife an fällt es jedoch nicht schwer, auch in längst vergangenen Zeiten gleichsam „paläosoziologische“ Versuche wahrzunehmen. Es gibt also eine spontane Soziologie, lange bevor ihr Comte den Namen verlieh, der das Lateinische und Griechische kentaurisch verbindet.

Wir finden sie in Dialogen priesterlicher Eiferer wie Platon, in Denkschriften von Mystikern wie Baader, in Unterhaltungen galanter Lebemänner wie Abbé Galiani und de Ligne, im Briefwechsel aufgeklärter Prälaten und Naturrechtler, in merkantilistischen und kameralistischen Folianten, in Prinzenspiegeln, Knigges für Höflinge und in Ratgebern für angehende Borgias, in der Praxis der Gerichte und Kabinette, im Journalismus von Revoluzzern, extremistischen Kleinbürgern und Bohemiens wie Fournier, Proudhon und Godwin, in Personalunion mit dem Sozialismus (Marx, Lasalle, Rosa Luxemburg), mit der Philosophie (Scheler, Litt, Bergson, Dewey, Spann), mit der Nationalökonomie (Saint-Simon, Pareto, Oppenheimer, Schumpeter).

Wie der anregende und abenteuerliche Claude-Henri de Saint-Simon faßt auch dieses Buch soziologisches Fragen und Forschen als „muntere de vivre“ auf, der noch die Zukunft gehört. Gern wünsche ich mit dem Autor, daß er mit seiner geistreich geschriebenen Problemgeschichte – versehen mit mehr als sechzig Seiten Soziologenkurzlexikon und thematisch gegliederter Bibliographie – dazu beitragen möge, jenen modischen Entdeckerkomplex zu kurieren, der nur auf timider Ignoranz älterer Literatur beruht. Bedauerlich sind einzig einige Druckfehler und Nachlässigkeiten in den Literaturhinweisen.

Gerd-Klaus Kaltenbrunner