Von Eka von Merveldt

Haben Sie viele Tiere gesehen?“, so pflegen Südafrikaner zu fragen, wenn sie jemanden treffen, der gerade aus einem Game Reserve kommt. Und jedesmal erschrak ich, wenn ich diese Frage hörte. Wie unbekümmert hatte ich mich in Hamburg auf den Weg von 9000 Kilometern in das Paradies der großen Tiere aufgemacht! Viele Photos und farbige Reisereklamen, die das südafrikanische Büro Satour ausstreut, hatten mich glauben lassen, in den Wildschutzgebieten liefen die Tiere – Löwen und Elefanten eingeschlossen – in großen Mengen um die Touristen herum.

Tatsächlich habe ich mehr Elefanten in Hamburg-Stellingen gesehen (bei Hagenbeck gibt es neun) als im Krügerpark. Hier sah ich einen einzigen. Aber dieser eine war ein Koloß, mindestens sechs Tonnen schwer, mit riesigen Stoßzähnen. Als er unser blitzendes Auto erkannte, bewegte er die Ohren mächtig hin und her wie Palmenwedel. Bedeutete es Friede oder Angriff? uns war schwer zu sagen. Dieser eine Koloß hat uns in ein Suchfieber versetzt, das den verhaltenen Engländer, meinen Mitreisenden, und mich eineinhalb Tage schüttelte. Wir entwickelten Jagd-Instinkte. Wir wurden dieses Hin und Her mit dem Auto auf staubigen Straßen nicht müde – zwei, drei Längen vorwärts und eine zurück. Immer wieder glaubten wir, eine Bewegung, ein Huschen, etwas Helles, Zimtfarbenes oder etwas Dunkles – womöglich einen Elefanten – gesehen zu haben.

Einen Tag kann man gut verwenden, um den berühmten Hagenbeckschen Zoo in Hamburg kennenzulernen. Eineinhalb Tage im Krügerpark aber, wie sie für den normalen Touristenbesuch vorgesehen sind, genügen einfach nicht. Dabei hatten wir Glück. Willi, unser Wildhüter, der Augen hatte wie ein Luchs und der von den anderen Wildhütern wußte, wo die Giraffen standen, wo die Löwen zu ruhen pflegten und die Zebras grasten, fragte auch die Insassen anderer Autos, denen wir begegneten, was sie gesehen hatten.

Zuerst sahen wir, als wir im vorgeschriebenen 30-Kilometer-Tempo durch das Tor rollten, im weiten Buschland gar nichts. Dann einzelne Wildebeest, alte, melancholisch wirkende Tiere, die von der Herde ausgesondert waren: Todeskandidaten. Dann Herden von Schwarzfersen-Antilopen, hier Impalas genannt. Tausende laufen im Busch herum. Ein Löwenpaar lag mittags faul unter Bäumen. Auf der Straße fuhren an dieser Stelle fünf Autos umeinander herum, und die Insassen reckten die Hälse. Aber nur eine üppige schwarze Mähne war erkennbar. Plötzlich sprangen beide Tiere erschrocken hoch, sicherten nach allen Seiten und legten sich nach einer Weile lässig wieder hin. Willi spekulierte: „Das kann nur eine Schlange gewesen sein, der einzige Feind, den Löwen haben.“ Wir dankten der Schlange.

Gegen Abend kamen uns zwei Löwinnen, die für ihren Herrn auf Jagd waren, entgegen. Sie gingen auf das Auto zu – fast vergaß ich, die Kamera zu bedienen, so neu und fesselnd war das Erlebnis. Erst kurz bevor sie mit dem für Löwentatzen sicher unangenehmen glatten, blanken Kühler hätten in Berührung kommen können. bogen sie seitlich ab und verschwanden hinter einem Hügel.

Löwen mögen es heiß. Wer sie sehen will, darf über feuchte, beklemmende Hitze nicht klagen. Die meisten Touristen, die den Krügerpark besuchen wollen, Südafrikaner vor allem, 200 000 im Jahr, fahren in den Wintermonaten dorthin, zwischen Mai und Oktober, dann wimmelt es auf den Straßen von Autos. Jetzt aber, in diesen schwülen Hochsommertagen, trafen wir nur selten andere Besucher.