Von Hans Bütow

An einem bestimmten Punkt im Berufsleben angelangt, hat man den großen gesellschaftsfähigen Wagen wohl verdient“... „Gesellschaftliche Verpflichtungen, stundenlange Konferenzen – große Anforderungen an den Menschen. Da gibt es keinen Kompromiß – nur reine Schurwolle“ ... „Wer jene Zeitung liest, ist wer“ ... „wer diese liest, gehört dazu...“ Man braucht nur wahllos in den Prospekten und Ankündigungen zu blättern, der Appell an die bessere, vornehmere, gesellschaftsfähige Seite im Mann ist nicht zu überhören. Der Herr gilt wieder etwas in den bundesdeutschen Landen, Reportagen über feine Leute sind en vogue, kein Wunder, daß „Anstandsbücher“ sich gut verkaufen. Wenn das einst so verlästerte Benimm-Handbuch der Frau Pappritz weiterhin studiert wird – was kann es schon schaden? Nur: Die äußeren Formen des Wohlverhaltens sind lediglich die eine Seite einer Angelegenheit, die sehr viel komplizierter, vielschichtiger und interessanter wird, wenn man das Ideal des Gentleman ins Auge faßt. Die konventionellen Formen taugen nicht viel, wenn sie nicht einer inneren Haltung entsprechen, wenn das, was gemein- und obenhin unter Höflichkeit verstanden wird, nicht aus dem Herzen kommt, aus einer Gesinnung, die den humanen Hintergrund guter Sitten kennt und anerkennt. Erst dann bekommen die Umgangsformen, die manchen so lästig, aber zum Glück entwickelt worden sind, um das schwierige Zusammenleben der Menschen erträglicher und leichter zu machen, ihren Wert und einen, man darf es sagen, moralischen Sinn.

Erst jenseits der banalen Benimmvorschriften wird es überhaupt lohnend, sich mit gesellschaftlichem Wohlverhalten zu befassen. Es ist wahrhaftig kein Zeichen besonders hochstehender Zivilisation, wenn wir etwa im Straßenverkehr aufeinander Rücksicht nehmen, wenn wir das Anrempeln vermeiden, wo es Gedränge gibt. Das sind Selbstverständlichkeiten. Auch sollte einer, der eine verlorene Geldbörse auf der Polizeiwache oder dem Fundbüro abliefert, nicht öffentlich deswegen gerühmt werden, wie es oft geschieht, denn das sollte sich ebenfalls von selbst verstehen, wenn die Dinge in Ordnung sind. Sie sind aber, wir wissen es alle, durchaus nicht immer in Ordnung, und ebenso gibt es hierzulande, seien wir ehrlich, ziemlich verschwommene und unausgegorene Meinungen darüber, wer und was ein Gentleman sei.

Ist der schon ein Gentleman, der einer Dame den Vortritt läßt oder ihr in einer überfüllten Bahn seinen Platz anbietet? Der, der ihr mit Schwung die Hand zu küssen versteht? Man ist leicht geneigt, dem schon die ehrenvolle Bezeichnung zuzuerkennen, der durch die Sicherheit seines Auftretens, oder die Eleganz seiner Kleidung besticht. Viele Männer mögen einen eleganten Habitus, ein vornehmes Äußeres haben, aber sind sie deswegen schon Herren, Gentlemen?

„Ein Gentleman ist ein Mann, der seinen Hut abnimmt, ehe er ein Mädchen küßt,“ habe ich mal gehört. Bei Oscar Wilde kann man aus der Zeit seines Gesellschaftslöwentums ähnlich Witziges lesen. Aber es reicht nicht aus. Die „innere“ Haltung ist entscheidend; auch hier ist es der Geist, der sich den Körper baut. Ganz bestimmt macht die Kleidung einen Dandy, aber noch lange keinen Herren.

Das Gentlemen-Ideal, so wie es in England ausgebildet worden ist, hat eine ehrwürdige Tradition, deren Wurzeln im christlichen Mittelalter und weiter zurück in der klassischen Antike zu finden sind. (Es gibt eine ganze Literatur, die diese interessanten Zusammenhänge untersucht hat.) Auf den maßgebenden englischen Bildungsanstalten, auf denen man sich bemüht, nicht nur Wissen zu vermitteln, sondern auch Charakter zu formen, wird es heute noch gepflegt. Der junge Mann soll lernen, männlich zu sein und milde – gentle, wie es das Wort so wunderbar prägnant ausdrückt. Zu den männlichen Tugenden gehört seit alters der Mut, doch der Gentleman wird ihn durch Rücksicht mildern, wenn es sich als nötig erweist. Er muß vor allem auch die schwere Kunst verstehen, mit Anstand, ja, mit Grazie zu verlieren, und seine Fairneß, seine Ritterlichkeit wird sich besonders im Umgang mit Schwächeren und Frauen erproben.

Im Jahre 1852 hat Kardinal Newman in einer Studie über Universitätserziehung eine Definition geschrieben, die vielen als klassisch gilt; ich jedenfalls kenne keine bessere. Er sagt, die Hauptsorge des Gentleman bestehe darin, zu erreichen, daß sich jeder in seiner Umgebung „behaglich und wie zu Hause“ fühle. An einer solchen Äußerung kann man erkennen, wie sehr das Gentleman-Ideal gerade dem englischen Nationalcharakter entspricht, der stark dazu neigt, den Wunsch, in Ruhe und Frieden gelassen zu werden, auf seine Umwelt zu übertragen. Die Gefahr glatter Unverbindlichkeit liegt hier nahe. Aber der entscheidende, in England oft zitierte Satz in Newmans Essay ist der erste: Der Gentleman sei ein Mann, der niemals Schmerz zufügt (one who never inflicts pain).