Zwei Monate lang suchte Italiens Premier Aldo Moro nach einem Außenminister. In einer achtstündigen Marathonsitzung mit den Parteisekretären der Regierungskoalition fand er schließlich in der Nacht zum vergangenen Sonntag einen Nachfolger für den im Dezember zum Staatsoberhaupt gewählten Guiseppe Saragat: den 57jährigen Christlichen Demokraten Amintore Fanfani.

Die Berufung Fanfanis könnte der Regierung eine lebensnotwendige Atempause in der permanenten innenpolitischen Krise Italiens verschaffen. Fanfani gilt als „Vater“ der Koalition der linken Mitte und zugleich seit Moros Regierungsantritt als ihr gefährlichster Gegner. „Il Motorino“, das Motörchen, wie ihn die Italiener nennen, ist einer der dynamischsten Politiker Italiens, und er lavierte in den vergangenen Monaten geschickt zwischen den Sozialisten und dem rechten Flügel der Christlichen Demokraten. Mit dieser Berufung erfüllte Moro eine Forderung der Sozialisten und führte zugleich die hinter Fanfani stehenden Rebellen seiner Partei an die Regierung heran. Ob Moro sich nach den mit Machtkämpfen, Partei- und Koalitionsauseinandersetzungen ausgefüllten fünfzehn Monaten seiner Regierungszeit nun tatsächlich mit der notwendigen Energie den akuten nationalen Problemen zuwenden kann, das hängt nicht zuletzt von seinen neuen Kabinettskollegen ab.

Fanfani ist ein Politiker mit sehr eigenwilligen innen- und außenpolitischen Ambitionen. Er befürwortet einschneidende ökonomische Reformen, die von Moro abgelehnt werden. Er strebt ein besseres Verhältnis zu den kommunistischen Staaten an, und man erwartet von ihm eine Initiative zur Anerkennung Rotchinas. Sie müßte auf den schärfsten Widerstand Moros stoßen. Fanfani gilt schließlich als engagierter Anti-Gaullist, dessen Hauptziel in der Europapolitik die Zusammenarbeit mit England ist. Die Richtlinien der Außenpolitik werden zwar nicht vom Außenminister festgelegt, sondern vom Kabinett, und zudem zeigt Staatspräsident Saragat noch immer großes Interesse für sein einstiges Ressort – aber Fanfani hat eine starke Waffe zur Durchsetzung seiner Vorstellungen: Die Drohung mit dem Rücktritt.

Die Gegensätze innerhalb der Christlichen Demokraten und der Koalition konnte Fanfanis Berufung ohnehin nicht überdecken. Die Regierung steht mitten in einer Zerreißprobe durch die Auseinandersetzungen um die Politik gegenüber dem Vatikan. Scheinbar nichtiger Anlaß war die private Aufführung von Hochhuts „Stellvertreter“ in Rom, die mit Berufung auf das Konkordat verboten wurde. Die Sozialisten, Sozialdemokraten und Republikaner fordern nun die Kündigung des Konkordats und zugleich die Eintreibung von angeblichen Steuerschulden des Vatikans in Höhe von vierzig Milliarden Lire. Außerdem streiten sich Sozialisten und Christliche Demokraten weiter um die Schulreform. Die Sozialisten fordern überdies gegen den Willen der Christlichen Demokraten die Aufnahme kommunistischer Abgeordneter in die italienische Fraktion des Europarates. Nicht genug damit, sorgen auch noch Volksfrontexperimente in verschiedenen Teilen des Landes – vor allem in Florenz – für weitere Spannungen.

In seiner Partei muß sich Moro mit dem rechten Flügel auseinandersetzen, der eine Rückkehr zum militanten Antikommunismus fordert. Dem Sozialisten Nenni machen nicht nur die Kommunisten, sondern auch sein radikaler Parteifreund Riccardo Lombardi das politische Leben mit den Bürgerlichen schwer. Zentrales Problem für das neue Kabinett Moro aber bleibt die Lösung der wirtschaftlichen Misere. Die Zuwachsrate ist unter der Koalition der linken Mitte von 8,3 Prozent im Jahre 1961 auf 2,5 Prozent im vergangenen Jahre gesunken. Eine Million Italiener sind ohne Arbeit.

Ohne sichtbare Erfolge wird Moro als Premier nicht überleben. Die Hoffnung vieler Italiener richtet sich schon jetzt auf den alten und neuen starken Mann: Amintore Fanfani. Ihm wird ohnehin in Rom unterstellt, daß er seinen Posten nur als Sprungbrett für das höchste Regierungsamt benutzen will. Viermal schon war Fanfani italienischer Premier. In der vergangenen Woche erklärte er Freunden: „Ich bin davon überzeugt, daß ich in einen politischen Friedhof komme. Gewöhnlich gehen die Leute auf den Friedhof, um zu beten. Aber ein Kerl wie ich ist dazu fähig, selbst Tote wieder auf erstehen zu lassen.“

D. Z.