„Lieber John“ (Schweden; Verleih: Atlas): Das kommt dabei heraus, wenn ein Schuster nicht bei seinen Leisten bleibt und nach Höherem strebt. Lars Magnus Lindgren erzählt eine simple und gar nicht so unnütze Geschichte: Ein Mann, der eine Enttäuschung hinter sich hat, verliebt sich in ein Mädchen, dem es nicht besser ergangen ist. Beide sind mißtrauisch; sie schlafen miteinander, aber trennen sich am Morgen, weil sie nicht zu hoffen wagen. Doch es ist genug geschehen, sie werden zusammenfinden. Auch die Implikation dieser Geschichte ist human: Der Mann, Kapitän eines Küstenfrachters, ist nur auf ein Wochenendabenteuer aus, erlebt es wie gewünscht, bleibt aber an dem Mädchen hängen. Was ja passieren kann gegen die bürgerliche Übereinkunft, die da sagt, daß dies unmöglich sei.

Aber dabei will Lindgren es eben nicht bewenden lassen. Er erzählt diese simple Geschichte so verworren wie möglich, stapelt Rückblenden aufeinander, die keinen Sinn machen, und gibt sich alle Mühe, ein modisch-zerstückeltes Zeitlabyrinth zu erstellen. Warum, das fragt man sich vergebens. Und er riskiert eine Metapher nach der anderen: Sand, der verrinnt, Schiffe, die vorbeifahren, ein Kaminfeuer im Schlafzimmer. Der Mann und das Mädchen reden und reden und reden. Belanglose Sprichwortweisheiten sind drapiert wie erhabene Sentenzen über das Menschsein an sich, zum Thema Einsamkeit trägt Lindgren ein ganzes Poesiealbum zusammen.

So kommt es, daß die Geschichte ihm unter der Hand immer unnützer wird und ihre Implikation immer mehr verschwindet hinter Geschwätz. Und was schlimmer ist: der Überbau, den Lindgren zimmert, unterscheidet sich am Ende gar nicht so sehr von dem eines kleinbürgerlichen Bewußtseins in Sachen Sexualität. Langeweile schleicht herbei, und man wird den Verdacht nicht mehr los, daß Lindgren nur eine Bettgeschichte erzählen wollte, es aber nicht gewagt hat. Schade, denn es gelingen ihm mitunter Einstellungen, die in ihrem Mut zur Ausführlichkeit und ihrer partiellen Wahrheit über das hinausgehen, was im Unterhaltungsfilm gestattet ist. Ein Trost für die Freunde des Schwedenfilms: Es wird gebadet.

U. N.