Während des Ulbricht-Besuches in Ägypten wehte über dem Tempel Kalabsha die Flagge der DDR. Über jenem Tempel, der auf Kosten der Bundesrepublik Deutschland vor dem Untergang in den Fluten des entstehenden Assuanstaudammes bewahrt wurde und an anderer Stelle wiedererrichtet wurde. Der ehrwürdige Tempel machte Schlagzeilen, als während der Kontroversen zwischen Bonn und Kairo Staatschef Nasser vor einer ihm zujubelnden Zuhörerschaft in Assuan erklärte, daß die Deutschen sich ihren Tempel einpacken und nach Hause mitnehmen könnten. Der Verfasser des folgenden Beitrags war als Archäologe an den Rettungsarbeiten von Kalabsha beteiligt. Er schildert die Arbeiten, die im Frühjahr des letzten Jahres abgeschlossen wurden.

Fest verankert in den Pylontürmen des wiedererstandenen Tempels von Kalabsha sind zwei große Steinplatten, auf denen auf Arabisch, Deutsch und Englisch eingemeißelt steht, die Rettung dieses Tempels sei ein Geschenk der Bundesrepublik an das ägyptische Volk.

Es handelt sich zweifellos um ein ideelles Geschenk, kaum produktiv, wie es die üblichen Entwicklungshilfeprojekte wohl sein sollten. Aber die kulturpolitische Bedeutung dieser Gabe hatten die Ägypter durchaus begriffen, schickten sie doch bisher jeden offiziellen Besucher Assuans – außer Chruschtschow und Tschu En-lai natürlich – zum Tempel von Kalabsha, um die vorbildliche Leistung der Deutschen zu loben und zugleich vom Tempel aus das gewaltige Bauvorhaben des neuen Assuandammes zu erklären.

Kalabsha stand politisch von Anfang an unter keinem günstigen Stern. Der Öffentlichkeit sollte erst der fertig wiederaufgebaute Tempel bei der feierlichen Übergabe durch einen deutschen Minister an Nasser vorgestellt werden. Diese Zeremonie war für den Januar des vergangenen Jahres bereits fest geplant, kurz nach Abschluß der Hauptarbeiten. Zu jener Zeit hielt Nasser seine Konferenz mit den anderen arabischen Staatschefs wegen des Jordanwassers ab, die Übergabe des Tempels konnte nicht stattfinden. Auch nicht zu dem dann für Mitte Mai vorgesehenen Termin in Verbindung mit dem Abschluß der ersten Baustufe des neuen Assuandammes, denn da kam Nikita Chruschtschow.

Die Ironie wollte es, daß gerade in diesen Tagen ein deutscher Minister nun das Aufgeschobene nachholen sollte. Diesmal fuhr Walter Ulbricht nach Ägypten, und das Kalabshaprojekt erhielt eine weltweite Publizität.

In Kalabsha hat die Bundesrepublik acht Millionen Mark angelegt, einen Betrag, der zu einem großen Teil über Arbeitslöhne und Materialkäufe Ägypten selbst zugute kam. Im Januar 1960 begannen die Arbeiten am neuen Staudamm, deren erste Baustufe im Mai 1964 abgeschlossen wurde. Seitdem ist das alte Flußbett etwa 20 Kilometer südlich von Assuan durch einen ersten Querdamm geschlossen. Das gesamte Wasser des Stromes fließt durch einen neuen Umgehungskanal. Bereits im vergangenen Herbst stieg der Wasserspiegel oberhalb des Dammes rund 7 Meter über die bisherige Normalhöhe. Die Überflutung der Fruchtlandstreifen in Nubien mit ihren Dörfern und ihren Kunstdenkmälern begann. Bis 1980 etwa wird sich der Wasserspiegel um rund sechzig Meter heben und ein Stausee von 500 Kilometer Länge entstanden sein, der weit über die Südgrenze Ägyptens in den Sudan hineinreicht. Im Winter 1963/64 wurden die Nubier, auf ägyptischer Seite allein etwa 40 000 bis 50 000, in neue Dörfer nördlich von Assuan umgesiedelt. Es wurden auch die umfangreichen Grabungsarbeiten abgeschlossen, zu denen die UNESCO aufgerufen und an denen sich eine Reihe von Expeditionen verschiedener nationaler Herkunft beteiligt hatten.

Spektakulärer und deswegen interessanter für die Öffentlichkeit sind die Arbeiten zur Rettung der etwa zehn bis zwölf Tempel in Nubien. Die kleineren wurden von der ägyptischen Antikenverwaltung selbst abgebaut. Einige wenige sind bereits wiederaufgebaut, andere werden gerade wieder errichtet, andere wieder warten an sicheren Plätzen auf ihre Wiederherstellung. Man will diese Tempel auf einige Plätze konzentrieren, in der Art monumentaler Freilichtmuseen. Am größten und bekanntesten Monument in Nubien, dem Tempel von Abu Simbel, haben die Arbeiten vor einem Jahr begonnen, sie werden aber kaum vor 1970 abgeschlossen sein. Eine internationale Firmengruppe führt sie aus, in der die Hochtief AG, Essen, federführend ist und auch den Bauleiter stellt, nicht zuletzt auf Grund der Erfahrungen, die diese Firma sich bei dem Kalabshaprojekt erworben hatte.