Von Wolfgang Müller-Haeseler

Leipzig hat sich verändert. Nicht nur die meterhohe Schneedecke, nicht nur die modernen Hotel- und anderen Neubauten haben das Gesicht der Messestadt an der Pleiße verändert, auch die Atmosphäre ist freundlicher und gelöster geworden. Auf der Jubiläumsveranstaltung zum 800jährigen Bestehen der Leipziger Messe präsentiert sich in Mitteldeutschland das Pankower Regime mit einem neuen Selbstbewußtsein, das das bisher stets spürbare Gieren nach Anerkennung und Bestätigung der Aufbauleistungen immer mehr in den Hintergrund drängt. Es hat durch den Besuch Ulbrichts am Nil rechtzeitig einen neuen Auftrieb erhalten.

Aber nicht nur auf politischem, auch auf wirtschaftlichem Gebiet ist dieser Wandel unübersehbar. Die Erfolge beim Aufbau der eigenen Wirtschaft, die sehr viel schwierigere Startbedingungen als die der Bundesrepublik vorfand, haben aus der wirtschaftlichen Desorganisation der vergangenen Jahre ein Gebiet gemacht, das sich stolz die zehntgrößte Industrienation der Welt nennt.

Seit rund einem Jahr wird in der DDR ein neues System der Wirtschaftsplanung praktiziert, das sich in dem für uns fast unverständlichen Partei-Chinesisch „Neues ökonomisches System der Planung und Leitung der Volkswirtschaft der Deutschen Demokratischen Republik“ nennt. Die neuen Planungsmethoden bedeuten nichts anderes als eine Rückkehr der Wirtschaft zur Maxime des Gewinns und der Rentabilität, auch wenn in den Anweisungen steht: „Der Gewinn in der sozialistischen Wirtschaft ist keinesfalls mit dem Profit im Kapitalismus identisch.“ Ein Ostberliner Funktionär umschrieb diesen Wandel taktvoll als Prinzip der materiellen Interessiertheit. Dahinter verbirgt sich nichts anderes als ein leistungsgerechtes Wirtschaftsdenken, das Löhne und Prämien der Arbeitnehmer nach dem wirtschaftlichen Erfolg ausrichtet. So kapitalistische Begriffe wie Gewinn, Kosten, Preise und Umsatz rangieren jetzt an erster Stelle.

Stufenweise soll dieses System, das mit einer Grund- und Rohstoffpreis-Reform begann und beispielsweise im Bereich von Kohle und Energie alle bisher durch Steuergelder finanzierten Subventionen beseitigte, bis 1970 auf die gesamte Wirtschaft ausgedehnt werden. Der Zwang zur Rentabilität und die größere Eigenverantwortung hat den Betrieben mehr Bewegungsfreiheit verschafft, die auch zu einer stärkeren Selbständigkeit im Außenhandel der DDR geführt hat.

Auf diesem Hintergrund spielt sich das Messegeschehen in Leipzig ab. Die Verhandlungen sind weniger verkrampft als früher. Nicht mehr die Planzahlen beherrschen die Geschäftstätigkeit der ostdeutschen Aussteller und Einkäufer, sondern die Konkurrenz in Preis, Qualität und Konditionen. Die Abschlüsse – mögen manche auch aus propagandistischen Gründen auf die Leipziger Messe verlegt worden sein – sprechen eine deutliche Sprache. Die USA, Frankreich, England, Österreich – alle liefern und kaufen, seien es nun Socken und Hosenträger, seien es komplette Industrieanlagen für viele Millionen. Wie selbstbewußt die DDR geworden ist, zeigt der Verzicht auf alte Namen, an die man sich bisher verzweifelt geklammert hatte. So heißt – um nur ein Beispiel zu nennen – das frühere Werk Agfa-Wolfen seit kurzer Zeit Orwo (Original Wolfen).

Die westdeutschen Aussteller in Leipzig stehen zwischen der Scylla des Osthandels und der Charybdis der unbeweglichen Politik der Bundesregierung. Gehandikapt durch die Weigerung Bonns, Kredite bei Abschlüssen mit der DDR staatlich zu garantieren, müssen sie zusehen, wie Firmen aus mit Bonn verbündeten Ländern Aufträge herausholen, die sie selbst gern in ihren Büchern gehabt hätten. Diese Entwicklung hätte Bonn jedoch voraussehen können.