Von Edith Daudistel

In der Übersetzung heißt es zwar „Rauchbucht“, trotzdem ist Reykjavik vermutlich die einzige Hauptstadt Europas, in der kein Schornsteinqualm und Ruß die Luft verpesten. Der irreführende Name wurde der isländischen Metropole vor tausend Jahren von den ersten Kolonisten, den Wikingern, verliehen, die von ihren Drachenschiffen aus am Rande der Bucht den aufsteigenden Dampf einiger kochender Quellen bemerkten.

Noch gegen Ende des 18. Jahrhunderts bestand Reykjavik aus 20 Häuschen, teils aus Torfsoden, teils aus Holz und Wellblech errichtet. Um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert dann war die heutige Metropole auf 5000 Einwohner angewachsen. Gegen Ende des Zweiten Weltkrieges schließlich setzte die große Landflucht ein: Das einstige Bauernvolk verließ die Gehöfte und überschwemmte die junge Stadt.

16 000 moderne Autos zeugen heute von einem neuen Wohlstand. Mit dem wirtschaftlichen Aufschwung kam für die Bevölkerung die Chance eines höheren Bildungsgrades. Heute haben die meisten Isländer mehrere Fremdsprachen erlernt.

Erst vor 14 Jahren konnten die Isländer ihren alten Traum von einem Nationaltheater verwirklichen. Seither haben sich bereits über eine Million Besucher sowohl bei isländischen Schauspiel- und Opernaufführungen wie auch bei ausländischen Gastspielen durch die Ausstrahlungen von der Bühne verzaubern lassen.

Obgleich man im weiten Inselreich 70 Laienspielvereine unterhält, machten sich bisher mehr als 50 000 Land- und Fjordbewohner, Bauern, Fischer und Handwerker, von den entfernteren Kirchspielen des großen, dünnbesiedelten Eilands per Flugzeug, Schiff oder Überlandbus auf die Reise in die Landeshauptstadt, um einem Schauspiel, einem Ballett oder einer Opernaufführung ihres Nationaltheaters beizuwohnen.

Neben dem Nationaltheater existiert in Reykjavik noch ein Stadttheater, das schon vor 65 Jahren gegründete „leikfjélag Reykjaviks“, eine intime Bühne, die aus einem ehemaligen Reykjaviker Laienspielverein hervorgegangen ist. Beide Theater führen einen harten Konkurrenzkampf um die Gunst des Publikums. Neuerdings hat man den Mut zum Experiment sowohl mit fremdländischen wie auch einheimischen Avantgardisten aufgebracht.