Von Walther Killy

Wie in der ZEIT Nr. 10/65 angekündigt, nimmt Professor Dr. Walther Killy, Ordinarius für Neuere Deutsche Literatur an der Universität Göttingen, hier Stellung zu dem dort abgedruckten Aufsatz „Der Staat und seine Hochschulen“ von Dr. Hans Dichgans, MdB. Seine Stellungnahme folgt offensichtlich der alten Hausregel: Auf einen groben Klotz gehört ein grober Keil. Was „kürzlich im Rheinland der Fall gewesen“, wird dann um der Schlagkraft der Argumente willen in einen Nebensatz verwiesen. Aber vielleicht ist dieses Verfahren in der Tat das geeignetste, um die Divergenzen anschaulich zu machen. Die Diskussion geht weiter.

Was wohl Herr Dr. Dichgans (MdB) sagenwürde, wenn man das Ethos der parlamentarischen Arbeit seiner Parteifreunde nach einem einzelnen Parlamentarier öffentlich beurteilte, dem es nichts ausmacht, den Bundestag zu belügen? was, wenn man die bei wichtigen Verhandlungen besonders über Bildungsfragen leeren Bänke als immer wiederholtes Beispiel dafür nähme, daß das Parlament einer Aufsicht bedürfe? was schließlich, wenn man auf das Versagen einzelner Mitglieder des Bundestages (der Öffentlichkeit sind manche Fälle in lebhafter Erinnerung) eine emotional gefärbte Kampagne gründete, die Wahres und Falsches mischend die Funktionsfähigkeit des Hohen Hauses überhaupt in Frage stellte – natürlich nicht ausdrücklich, natürlich auch mit dem vorwegnehmenden Hinweis, daß die Betroffenen empfindlich reagieren würden, natürlich aus tiefer Sorge ...?

Es ist dies das Verfahren, das Herr Dr. Dichgans (MdB) seit geraumer Zeit gegenüber den Universitäten anwendet. Es hat ihm den Ruf eines Experten für Universitätsfragen eingetragen; die Universitäten haben ihn in ihren Kreis eingeladen und ihn auf zahlreiche sachliche Irrtümer hingewiesen, nicht allein aus Respekt vor; seinem Amt, sondern einig mit ihm darin, daß sie der Kritik und der – ohne Dr. Dichgans lang im Gang: befindlichen – Reform bedürfen. Der Ton seiner Äußerungen hat. sich ein wenig gemildert; ihre Methode aber ist die gleiche geblieben, so wie ihr Ziel sich nicht verändert hat: die Methode ist die der diffamierenden Verallgemeinerung anekdotischer Einzelfälle, das Ziel ist die Ausdehnung obrigkeitsstaatlicher Verhältnisse auf einen der letzten trotz allem freien Bereiche öffentlichen Lebens. Gefordert wird Restauration unter dem Mantel der Reform. Operiert wird mit halben Wahrheiten, die als ganze und noch dazu unentdeckte sich präsentieren.

Dr. Dichgans (MdB) reduziert dabei die überaus komplexen Universitäts- und Bildungsprobleme mit schöner Beharrlichkeit auf das angebliche Versagen „der Professoren“, den Bildungsnotstand auf die von professoraler Unfähigkeit verursachte Studiendauer. Einzelheiten, wie etwa der Zusammenhang der Universitätsmit den Schulleistungen, soziale Wandlungen und die Vergleichbarkeit der Bildungsbedingungen, interessieren ihn weniger, wie überhaupt erkennbare Tatsachen – man hat sie ihm auf dem letzten Hochschulverbandstag hinlänglich zu zeigen gesucht – die Einfachheit seiner Bilder nicht zu beeinflussen vermögen. Durch Sachkunde hat seine Argumentation nicht viel Gewicht; um so mehr Wirkung kann man von der Simplizität ihrer Linien erwarten. Von jeher hat bei uns zulande die Kollektivverdächtigung Wirkungen ausgeübt, die durch klassenkämpferische Farben nur gesteigert werden können. Beim Leser werden sie den Anschein der Legitimation erhalten, wenn er sie mit viel; diskutierten echten Problemen verbunden sieht, um deren Lösung man sich seit dem Ende des Krieges ernsthaft bemüht.

Ein solches Problem ist die Größe der durch die Lehrstuhlvermehrung angewachsenen Fakultäten. Was Dr. Dichgans (MdB) von ihrer Arbeitsweise zu berichten weiß, ist Greuelmärchen, sonst nichts: In keiner Fakultät, die ich kenne, strebt man nach Einstimmigkeit oder kennt man den Herrn Dr. Dichgans (MdB) gewohnten Fraktionszwang. In vielen gibt es Streit, in allen Meinungsverschiedenheiten. Von der meinigen weiß ich, mit welchem Ernst und mit wieviel Verantwortlichkeit sie ausgetragen werden, mit welcher Loyalität die große Minderheit sich oft genug der knappen Mehrheit fügt, mit welchem Fleiß die Kommissionen zu wirklichen Ergebnissen kommen. Wie wären denn sonst die Anfängerseminare mit nur dreißig Studenten, die studienverkürzenden Zwischenprüfungen, der Ferienunterricht, die Studienordnungen, der Aufbau des Mittelbaus zustande gekommen? Daß man eine solche Arbeit aus reiner Kenntnislosigkeit negiert, daß man denen, welche sie leisten, lediglich träges Kompromißwesen auf Kosten der Studenten unterstellt, daß die Wörter „Kompromiß“ und „Kommission“ überdies einem deutschen Parlamentarier schon an sich verdächtig zu sein scheinen – all dies spricht für sich. Oder besser: all dies spräche für sich, wenn die Situation im Hinblick auf die Universität nicht durch Auslassungen von der hier behandelten Art nahezu hoffnungslos emotionalisiert wäre. Zu dieser Emotionale sierung tragen natürlich auch die Universitäten bei, wenn sie ihre Selbstverwaltung in der Weise öffentlich fragwürdig machen, wie es kürzlich im Rheinland der Fall gewesen, oder wenn sie in der bloßen Apologie verharren.

Insgesamt tun sie dies viel weniger, als man es bei ihrer wenig beneidenswerten Lage befürchten müßte, und es ist sehr zu hoffen, daß sie auf den Versuch, sie der Staatsautorität zu unterwerfen, diesmal besser reagieren als im Jahre 1933 oder jenseits des Vorhangs. In diesem Zusammenhang ist die Diktion des Herrn Dr. Dichgans (MdB) von besonderem Interesse. Nicht weniger als fünfmal in seinem kurzen Aufsatz schreibt er von den Belangen des Staates. Autorin tätsfeindlichkeit ist ihm ein Greuel, selbst wenn sie unmittelbar nach dem Dritten Reich fühlbar würde – als ob sie nicht die Grundlage jeder wissenschaftlichen Gesinnung sein müßte! Es ist ein kleinbürgerlicher Irrtum, daß solche Autoritätsfeindlichkeit mit derjenigen Lizenz und Pflichtvergessenheit gleichzusetzen sei, die er als weitere generelle Verdächtigung der Masse der Ordinarien unterstellt. Sätze wie Der Staat muß dafür sorgen, daß alle Studenten, bei welchem Professor auch immer sie studieren, ständig Ordnungsgemäß (!) unterrichtet und betreut (!) werden, sollten außer den Professoren auch die Studenten hellhörig machen. Denn eine solche Staats-„fürsorge“ wird das persönliche und zumeist wirksame Pflichtgefühl nicht ersetzen können. Sie würde aber unabweislich die Personen affizieren, die der Aufsicht unterworfen werden, und somit die Lehre, die ihnen aufgetragen ist. Der beste Beweis sind Worte von der Art einer obrigkeitsstaatlichen akademischen Straßenverkehrsordnung: Jeder einzelne Professor muß sein Verhalten demgemäß einrichten...