George F. Kennan: Vom Umgang mit der kommunistischen Welt; Steingrüben-Verlag, Stuttgart; 75 Seiten, broschiert 5,80 DM.

Einer der hervorragendsten Kenner der Sowjetunion hat einige seiner Gedanken in Vorträgen niedergelegt, die jetzt in deutscher Übersetzung zu lesen sind. Mancher wird entsetzt sein über sie. Kennans Behauptung, der Begriff „kommunistisch“, wenn er bei internationalen Beziehungen angewandt wird, verliere immer mehr an Brauchbarkeit, widerspricht völlig nicht nur unserer amtlichen Politik, sondern auch der Glaubenslehre der öffentlichen Meinung. Kennan möchte – was scherzhaft klingt, aber einen ernsten Kern birgt – am liebsten ein Gesetz einbringen, das den Gebrauch des Wortes kommunistisch überhaupt verbietet.

Das kleine Büchlein bietet eine Reihe von Beispielen, die Kennans These untermauern und zugleich weiterführen in den Bereich unbefangener Erkenntnis, das zu betreten jeder gute Bürger sich schaudernd weigert. Kennan möchte nicht, daß jede Geste der Klugheit oder der Mäßigung in Moskau sogleich als Beweis für ihre Verzagtheit begrüßt und als Argument für stärkeren militärischen Druck angeführt werde. Das ist sicher richtig, dahinter steckt die Kenntnis der sowjetischen Diplomatie und das Wissen eines Historikers, das Jahrhunderte überschaut – aber wer wird auf solche unbequemen Mahnungen hören?

Ein Unterton von Resignation in den Vor; trägen ist nicht zu verkennen, wie bei jedem Politiker, der in den letzten Jahrzehnten die unerschütterte Macht starrer Glaubenslehren erkannt hat. Zum Schluß spricht Kennan von der Gefahr, daß die Bewohner des Westens sich den Menschen des Ostens entfremden (so wie sie im vergangenen Jahrhundert die Menschen in den Kolonien entfremdet haben), weil sie nicht genügend Vorstellungskraft und Einfühlung in die Lage derjenigen besitzen, die sich in der Gewalt der ideologischen Widersacher befinden. Haben solche Worte heute mehr Aussicht gehört zu werden als vor Jahren? Paul Sethe