ROTTERDAM (Museum Boymans):

„Das italienische Stilleben von den Anfängen bis zur Gegenwart“

Ein Stilleben? Arcimboldis „Bibliothekar“ wäre in einer Manieristen-Schau besser placiert. Das Bild als natura morta betrachten, heißt das geistvoll arrangierte Porträt auf seine materiellen Bestandteile reduzieren. Die schweinsledernen Folianten sind auch Ober- und Unterarm, die seidenen Lesezeichen Hand und Finger, das aufgeblätterte Buch ist das Haupthaar: Der Mensch wird aus den Ingredienzien seines Berufes aufgebaut. Der „Bibliothekar“ ist das früheste Bild in der Ausstellung, die in 250 Gemälden den Gang der italienischen Stillebenmalerei bis in die Gegenwart, bis zu Carrà, de Chirico, Morandi und Cassinari vorführt, wobei der Begriff, nicht nur im Fall Arcimboldis, über die schulmäßige Definition hinaus – Ensemble von töten beziehungsweise reglosen Dingen – erweitert wird. Auch Vincenzo Campis „Früchteverkäuferin“, eine ungemein lebendige Person, gehört dazu. Diese Übergriffe ins Genre, in die figürliche Szenerie, in die Landschaft, kann man nicht einer mangelhaften oder allzu laxen Auswahl zur Last legen. Das Stilleben als eine spezielle und enge Bildgattung ist trotz dieser italienischen Ausstellung eine niederländische Domäne. Nur die niederländischen Maler des 17. Jahrhunderts haben sich konsequent und ausschließlich mit der Dinglichkeit der Dinge beschäftigt. Caravaggio hat zwar einen „Früchtekorb“ gemalt, aber das Bild steht isoliert in seinem Gesamtwerk, keineswegs kann man ihn zu einem Stillebenmaler im Sinne der Niederländer deklarieren. Allerdings ist der italienische Beitrag zum europäischen Stilleben größer als man bisher vermutet hatte, vor allem im Barock und dann wieder im 20. Jahrhundert. Die Ausstellung war im vergangenen Herbst im Palazzo Reale in Neapel und anschließend im Kunsthaus Zürich, sie wurde jetzt vom Boymans-Museum übernommen und dauert bis zum 25. April.

ESSEN (Haus Industrieform):

„André Bloc“

Die risikofreudige Galerie Schütze in Bad Godesberg, die das Publikum in und um Bonn herum mit unbequemen und ungefälligen künstlerischen Novitäten versorgt, hat diese erste deutsche Ausstellung des beinahe siebzigjährigen Pariser Bildhauers organisiert. Der Wirtschaftsverband Bildender Künstler in Essen hat sie übernommen und zeigt sie bis Ende März. André Bloc ist ein vielseitiger Mann, Architekt, Ingenieur, Maler, Bildhauer, Gründer und Herausgeber der Zeitschrift „Architecture d’aujourd’hui“. Er beherrscht, dank intimer Kenntnis der zeitgenössischen Produktion, und verwendet das gesamte plastische Repertoire von der Metallkonstruktion aus zusammengeschweißten Stangen und Drähten bis zu den buntbemalten „Polychromen Hölzern“. Man sieht barock ausladende, üppig wuchernde Bronzegebilde, aufgebrochene Rundformen und Eisenspiralen, deren Aufwärtsbewegung in dem sie umhüllenden Mantel wiederholt wird. Die Ausstellung ist ungewöhnlich instruktiv, nicht nur weil hier ein einzelner Künstler die verschiedensten Möglichkeiten heutiger Plastik resümiert, sondern weil das auf eine ungewöhnlich intelligente Weise geschieht. André Bloc demonstriert eindrucksvoll und exemplarisch, wie weit man in der Kunst mit der Intelligenz kommt, bis zu welchem Grod sie Ursprünglichkeit und Intuition ersetzen kann.

BASEL (Galerie d’Art Moderne):