HESSISCHER RUNDFUNK

Sonntag, 7. März, Kleine Funkliteraturgeschichte:

Bei der massierten Konkurrenz von Bildungsbeflissenen Sendungen hat es der Hörer sonntagmorgens nicht leicht. Zwar hegt er wider besseres Wissen noch immer die verwegene Hoffnung, daß demnächst irgendein Koordinator die Sendungen zeitlich besser verteile. Aber einstweilen bleibt die Qual der Wahl. Er wählt die „Kleine Funkliteraturgeschichte“. Warum?

Anderswo erwarten ihn Vorträge oder Ansprachen; Wissenschaft als Verkündigung, Apodiktik vom Katheder. Hier kann er an einem Kolloquium teilnehmen. Walter Jens mit drei Studenten (gut vorbereitet, Rollen richtig verteilt) führt ein Seminargespräch vor, wie es den meisten deutschen Studenten wegen des Massenandrangs heute kaum noch geboten werden kann. Die Regie wird nicht kaschiert, aber der Spontaneität bleibt genügend Raum.

Die Reihe „Von Hauptmann bis Hochhuth“ läuft schon eine Weile. Zuckmayer ist dran. Er steigt aus der Asche, in die ihn sein „Kaltes Licht“ gebracht hat. „Des Teufels General“ ist Hauptgegenstand. Damals, auf frostigen Straßen auf dem kilometerlangen Heimweg vom Theater hatten wir über ihn flammend diskutiert. Heute spricht ein Professor mit drei Studenten aus der erkennenden Distanz des Literarhistorikers. Aufbau und Handwerk werden gewürdigt, die großartige Figur des Harras.

Unser Problem damals, ob es überhaupt erlaubt sei, Überzeugungen zuliebe Menschen zu opfern, kommt wenig in Sicht. „Es gibt in der Literatur kaum plastische Darstellungen wirklicher Nationalsozialisten“, sagt Jens. Aber ist das nicht doch eine Antwort auf unsere Frage? Denn wenn ein Ideologe auf Menschendarstellung verzichtet, dann bleibt nichts als ein „Leitartikel“.

Dank sei dem Kolloquium! kli