Von Joachim Schwelien

Washington, im März

Durch den Streit um die Verlängerung der Verjährungsfrist und durch die Suspendierung des geheimen deutsch-israelischen Waffenabkommens war in den Vereinigten Staaten eine starke antideutsche Welle ausgelöst worden. Sie beginnt jetzt wieder abzuebben.

Den Höhepunkt dieser Welle bildete jener ganzseitige Aufruf des Verbandes jüdischer Kriegsteilnehmer in der New York Times der den Bundesdeutschen unterstellte, sie seien wie Wilhelm II. und Adolf Hitler vertrags- und wortbrüchig, sie kehrten alle schlechten deutschen Eigenschaften wieder hervor, und die Völkergemeinde müsse daher vor der Bundesrepublik gewarnt werden. Gemäßigte, besonnene Persönlichkeiten in den anderen jüdischen Organisationen Amerikas haben diese Erklärung nicht gutgeheißen, doch waren sie gehemmt, dies auch offen zu sagen.

Die Reisenden aus der Bundesrepublik, wie der Fraktionsvorsitzende der CDU/CSU, Rainer Barzel, der CSU-Vorsitzende Franz Joseph Strauß (dieser, soweit sich erkennen läßt, ohne Auftrag der Bundesregierung), und der Leiter der Auslandsabteilung des Bundespresseamtes, Günther Diehl, haben sich inzwischen nicht ohne Erfolg in Amerika bemüht, den jüdischen Organisationen vor allem in New York das Vorgehen der Bundesrepublik verständlicher zu machen. Die Verlängerung der Verjährungsfrist durch, den Bundestag wird die wesentliche Ursache für die lebhafte, antideutsche Verstimmung beseitigen.

Das Einstellen der Waffenlieferungen an Israel ist von den jüdischen Kreisen Amerikas völlig falsch interpretiert und ziemlich sinnlos in Zusammenhang mit anderen Beschwerden gegen die Bundesrepublik gebracht worden. Sie übersahen, daß sich wegen der Machtbalance im Nahen Osten auch die USA bei der Belieferung des israelischen Staates mit Kriegsgerät auf das Äußerste zurückgehalten haben. Die Mission des Sonderbotschafters Harriman in Tel Aviv hatte vorwiegend den Zweck, die Israelis von militärischen Unternehmen abzuhalten – für den Fall, daß die Araber ihnen das Jordanwasser abgraben sollten. Die Vereinigten Staaten möchten im Nahen Osten ein Rüstungsgleichgewicht stabilisieren, das indessen durch die sowjetischen Waffenlieferungen an Ägypten, Syrien und den Irak immer wieder gestört wird. Um das Gleichgewicht herzustellen, wird die amerikanische Regierung möglicherweise jetzt in jene Bresche springen, welche die Suspendierung der deutschen Lieferungen gerissen hat. Aber sie wird das nur in einem Umfang tun, der Nasser keinen Anlaß gibt, ganz ins sowjetische Lager abzuschwenken.

Einen Kraftakt der Bundesrepublik nach der anderen Seite – Abbruch der diplomatischen Beziehungen mit Kairo, volle und bedingungslose militärische Unterstützung Israels durch die Deutschen – halten die Verantwortlichen der amerikanischen Diplomatie nicht für angebracht, da er möglicherweise unmittelbare Nachteile für die ohnehin gefährdete amerikanische Position in Ägypten zur Folge haben könnte. Der ganze Komplex zeigt, wie wichtig ein abgestimmtes Vorgehen der Westmächte ist, gerade in diesem Raum und auf diesem schwankenden Boden. Den ersten Anspruch auf einen amerikanischen Solidaritätsbeweis hat die Bundesrepublik, da sie von den USA zu den Waffenlieferungen an Israel mehr oder weniger sanft veranlaßt worden war.