R. B., Leipzig, im März

Die Leipziger Jubiläumsmesse ermunterte den sonst eher zurückhaltenden DDR-Ministerpräsidenten Willi Stoph zu einer Festrede, in der er die angeblichen Gefahren der Bonner Politik für Frieden und Sicherheit in Europa und in aller Welt mit den schwärzesten Farben an die Wand malte. Zum erstenmal gab sich Stoph schärfer als Ulbricht, der auf seiner Reise zum Nil mit staatsmännischer Allüre den Arabern empfohlen hatte, es nicht mit Bonn zu verderben, sondern „mit beiden deutschen Staaten“ gute Verbindung zu halten.

Stoph wollte mit seiner Polemik wohl auch den Nachweis liefern, warum die DDR ihre Handelsinteressen statt der Bundesrepublik mehr und mehr dem westlichen Ausland zuwendet. Schuld sei, so meinte er, die Bonner Interzonenhandelspolitik der letzten 15 Jahre. Mit allen Mitteln habe die Bundesregierung versucht, die politische und wirtschaftliche Entwicklung der DDR zu hemmen. Stoph verzichtete darauf, seine Klage an Beispielen zu erläutern. Das besorgten später die Fachreferenten in persönlichen Gesprächen. So berichteten sie von dem bisher vergeblichen Versuch eines Exportkaufmannes aus der Bundesrepublik, Orangensaft im Rahmen des Interzonenhandels in die DDR zu liefern. Ein Beamter des Bundeswirtschaftsministeriums habe ihm entgegnet: „Damit kommen sie nicht durch. Der Orangensaft hat hohen Vitamin-C-Gehalt, und wir werden doch die Leistungskraft der Leute drüben nicht fördern.“

Stoph nahm auch die jüngsten Vorschläge Wirtschaftsminister Schmückers aufs Korn. Schmücker hatte in Brüssel den EWG-Ländern empfohlen, wie sie in Zukunft ihren Handel mit Ostblockstaaten und mit der DDR betreiben sollten. Mit Krediten sollten sie sparsam umgehen und keine sprunghafte Erhöhung des Handels zulassen. Doch die Antwort aus Paris lautete: Ein neues Warenabkommen mit der DDR, das eine Steigerung des Güteraustausches um 80 Prozent vorsieht.

Auch die Emissäre aus anderen EWG-Staaten ließen sich von Schmückers Plan nicht beeindrucken. Sie wollen vor allem Fabrikanlagen verkaufen, weil sie die Bundesrepublik auf diesem Gebiet mit langfristigen Krediten aus dem Feld schlagen können. Den Bonner Anspruch, ein Vorzugsrecht im Handel mit der DDR zu haben, wollen sie nicht länger anerkennen. Wer ihnen gegenüber auf die Pariser Verträge, die Hallstein-Doktrin oder auf den innerdeutschen Handel pochte, erntete nur ein mitleidiges Lächeln. Es geht allein ums Geschäft, die Politik hat ausgespielt. Das ist das Fazit von Leipzig.