Die USA haben am Montag zum erstenmal bewußt das Genfer Indochina-Abkommen von 1954 verletzt. Mit Zustimmung der südvietnamesischen Regierung in Saigon gingen 3500 reguläre Soldaten der US-Marine-Infanterie, der gefürchteten amerikanischen Elitetruppe, in Zentralvietnam an Land. (Insgesamt stehen jetzt 27 000 US-Soldaten in Südvietnam, die meisten als „Berater“.) Es heißt, daß demnächst noch eine Heeresdivision folgen wird. Sie sollen den Düsenflugplatz Danang gegen Angriffe der Vietcong schützen. Bisher war der Schutz der Anlagen der südvietnamesischen Armee anvertraut, die jedoch nicht verhindern konnte, daß die Partisanen bis auf Mörser-Schußweite an das Rollfeld herankamen.

Danang ist für die Amerikaner unentbehrlich, da sie von hier aus ihre Luftangriffe gegen Ziele in Nordvietnam und Nachschubwege der Vietcong in Laos unternehmen. Es ist möglich, daß die gelandeten Marinesoldaten später auch das schmale Gebiet von Danang bis zur laotischen Grenze besetzen sollen, um die Verbindung zwischen Nordvietnam und den Partisanen im tiefen Süden – im Mekong-Delta und bei Saigon – zu erschweren.

Trotz des erhöhten Einsatzes regulärer US-Streitkräfte blieb die Lage im Partisanenkrieg unverändert. Mit einem Ausfall von 4000 Mann hatten die südvietnamesischen Regierungstruppen im Februar ihre bisher höchsten Verluste. Typisch für den Charakter des Kampfes war der Ausgang einer großangelegten Operation mit über hundert Hubschraubern und mehreren tausend Soldaten gegen ein Vietcong-Zentrum in der Nähe von Saigon: Nur ein einziger Vietcong-Soldat wurde getötet. Die ganze Operation war von A bis Z verraten. Die Partisanen waren entweder vorher geflohen oder hatten sich als Bauern verkleidet.

Mittlerweile haben die USA über verschiedene diplomatische Kanäle Nordvietnam, China und die Sowjetunion informiert, daß sie in Vietnam keinen totalen Sieg erringen, sondern nur ein militärisches Gleichgewicht herstellen wollen. Die US-Luftwaffe würde jedoch ihre Angriffe gegen Nordvietnam fortsetzen, solange nicht

1. der Zustrom von Menschen und Material über den 17. Breitengrad aufhört, oder

2. Nordvietnam Vietcong-Truppen aus dem Süden zurückzieht, oder

3. die Angriffe der Vietcong für eine bestimmte Zeit unterbleiben.