Aufstieg und Fall eines SPD-Politikers – Unzeitgemäße Rede gegen die MLF

Die bundesrepublikanische Öffentlichkeit ist in diesen Wochen Zeuge eines Ringens, in dem der Hauptkämpfer überall auf Achtung, ja Zuneigung und Bewunderung stößt und bei dem ihm doch jeder die Niederlage voraussagt. Eine große, oft glänzende Laufbahn nähert sich ihrem Ende. Man zögert zunächst, den abgegriffenen Begriff „tragisch“ hier anzuwenden. Aber wenn Tragik die Vermischung von persönlicher Schuld und überpersönlichem Schicksal bedeutet, dann ist das Wort hier erlaubt.

Es heißt, Max Brauer liebe das berühmte Porträt nicht, das Oskar Kokoschka von ihm gemalt hat. Das mag sein, weil es für den nachdenklichen Betrachter ein sehr enthüllendes Porträt ist. Die ganze Vielschichtigkeit, die vielberühmte und vielbeschriene „Schwierigkeit“ im Wesen des Porträtierten wird hier aller Welt sichtbar gemacht. Eben darum ist es ein großes Bildnis. Daß der Dargestellte ein bedeutender Mann von kraftvollem Eigenwuchs ist, weiß jeder, der einmal dieses Bild gesehen hat, wenn er auch von Brauers Wirken sonst nie etwas erfahren hätte – so wie er auch vielleicht den Zauber der Liebenswürdigkeit zu ahnen vermag, mit der Brauer seine Mitarbeiter so oft zu versöhnen wußte, wenn sie gerade noch unter seiner Sprunghaftigkeit gestöhnt hatten. Und gerade, weil es kein gleichgültiger Mann ist, der in diesen Wochen um das letzte Stück seiner Laufbahn kämpft, gerade deshalb verfolgen die Staatsbürger seinen – wahrscheinlich letzten – Kampf mit soviel Spannung.

Der Arbeitersohn aus Ottensen hat in seiner Jugend manches Elend und manche Not gesehen und oft genug erlebt, wieviel Demütigung der Arme schlucken muß. Mitgefühl mit den Bedrängten, leidenschaftlicher Gerechtigkeitssinn und eigener Ehrgeiz trieben ihn früh in die Reihen der Sozialdemokratischen Partei. Wie hätte denn ein begabter Arbeiter anders einen Aufstieg vollziehen können als in dieser Partei? Wie viele seiner Genossen erwarb er seine ersten Lorbeeren in der Gemeindepolitik. Den freiheitlichen Staat von unten nach oben, auf dem Wege über eine starke Selbstverwaltung zu bauen, blieb bis heute sein Ziel.

Den Oberbürgermeister von Altona zwangen die Nationalsozialisten zur Flucht. Sie gelang ihm nur, weil ihm ein mutiger Freund, der ihm ähnlich sah, seinen Paß zur Verfügung stellte. In den Vereinigten Staaten wurde er amerikanischer Staatsbürger. In großen Versammlungen sprach er leidenschaftlich für das deutsche Volk. Den erfahrenen Kommunalpolitiker holte sich Tschiang Kai-schek für einige Jahre als Berater für das Gemeindewesen. Den glänzenden Theoretiker Brauer holte sich die Columbia-Universität in New York als Dozenten. (Brauer geht an die Wissenschaften und an die Bücher mit der ganzen Entschlossenheit, ja wütenden Energie, die einen Teil seines Wesens bildet, heran. Noch heute, als Siebenundsiebzigjähriger, bewältigt er, vor allem in den vielen schlaflosen Stunden der Nacht, längere Haushaltstabellen, volkswirtschaftliche Werke und Dichtungen mit der gleichen unersättlichen Leselust, die ihn als Knaben und jungen Mann erfüllt hat.)

„Maxe, komm zurück!“

Der Neu-Amerikaner kam nach dem Kriege in das zerstörte und hungernde Hamburg. Als er in einer Massenveranstaltung sprach, scholl ihm der Sprechchor entgegen: „Maxe, komm zurück!“ Er warf seine amerikanische Staatsbürgerschaft von sich, erwarb wieder die deutsche und wurde Bürgermeister. Eine große Aufgabe lockte ihn, gerade weil sie so schwierig war. Er begann damit, daß er auf das entschiedenste von der Besatzung forderte, sie möge den Stacheldraht um den Rathausmarkt beseitigen lassen, und er setzte sich durch damit. Dann endlose Besprechungen über mehr Kohle, mehr Nahrungsmittel, Wegräumen des Ruinenschuttes, Beginn des Neuaufbaues, immer ohne Unterlaß Kämpfe, mit der Not, mit der Besatzung, mit den Trümmern des Hitlerreiches; Beratungen mit den übrigen Ministerpräsidenten über die Einheit wenigstens der Westzonen; im ganzen ein großartiges Aufbauwerk – und dann doch bei den Wahlen von 1953 der schwere Rückschlag. Das „rote“ Hamburg wurde bürgerlich, Brauer als Bürgermeister gestürzt.