Ich sah ihn zum erstenmal, als er versuchte, mit dem Pförtner eines großen Betriebes ins Gespräch zu kommen. Er trug einen schwarzen Anzug, ein weißes Hemd, eine rote Krawatte mit weißen Punkten. Nur seine hellgrauen Schuhe paßten nicht dazu. Er redete erst mit Warten und dann mit Gebärden auf den Pförtner ein: Der eine sprach nur englisch, der andere verstand nur deutsch. Ich hatte eine Weile zugehört, dann war mir klar, worum es ging. Ich bot meine Vermittlerdienste an, der Besucher machte eine tiefe Verbeugung. „Mein Name ist Ranghipar“, sagte er. „Ich soll von heute an als Volontär hier arbeiten. Um neun soll ich beim Personalchef sein.“

Beim Ausfüllen des Fragebogens erfuhr ich, wer er ist. Name: Ranghipar Sapun, Geburtsort Accra, Geburtsjahr 1941; Nationalität Ghana; Schulbildung: Sechs Jahre Missionsschule, vier Jahre Oberschule, ein Jahr College in England; Beruf Student. „Thank you very much, friend...“, sagte er.

*

Irgendwo mußte mein Freund wohnen. Doch mit Wörterbuch und deutscher Grammatik kann man kein Zimmer finden. Ich entschloß mich, es für ihn zu tun. Mit seinen neuen Kollegen, die es sehr interessant fanden, einen richtigen Afrikaner neben sich in der Abteilung zu haben, hatte er schnell Kontakt. Ranghipar quittierte die Anteilnahme, die man ihm überall entgegenbrachte, so: „Ihr Deutschen seid alle furchtbar nette Burschen ...“

Er sollte seine gute Meinung behalten: Ich habe ihm nie etwas von meinen Erlebnissen erzählt, die ich bei der Wohnungssuche für ihn hatte. Es war selbstverständlich, daß er die ersten Tage in Frankfurt bei mir schlafen konnte. Für zwei Tage, dachte ich. Ranghipar wohnte genau zwölf Tage bei mir.

Am ersten Tag notierte ich vierzehn Angebote aus der Zeitung. Ranghipars Wohnungsbudget durfte hundert Mark im Monat nicht überschreiten; wer Frankfurt kennt, weiß, was man dafür erwarten darf. Das dritte Zimmer, das ich sah, gefiel mir. Wohnungsinhaberin war eine Witwe um fünfzig, Mutter zweier erwachsener Söhne, die bei ihr wohnten. Das Zimmer war einfach. „Den Morgenkaffee können Sie mit uns trinken. Ich serviere ihn aber auch auf dem Zimmer, wenn Ihnen das lieber ist. Ich rechne Ihnen dafür nur eine Mark fünfzig.“ Die Frau gefiel mir, der Preis war angemessen, ich sagte zu. Die Vermieterin machte auch keine Einwände, als ich ihr klarmachte, daß ich dieses Zimmer nicht für mich, sondern für einen Freund mieten wollte. „Wenn er, nett ist, dann ist er mir willkommen.“ Aber das war falsch. Als sie erfuhr, daß mein Freund Afrikaner sei, sagte sie: „Afrikaner, das sind doch Neger, nicht wahr?“ Sie habe nichts gegen Neger, das müsse ich ihr wirklich glauben, aber mit ihnen unter einem Dach wohnen – nein, das wolle sie dann doch auf gar keinen Fall.

Am nächsten Tag besuchte ich ein Angestelltenehepaar, das das Zimmer der Tochter zum Vermieten anbot. Die mollige Hausfrau flößte Vertrauen ein. Das Zimmer, das sie mir zeigte, hatte sogar, ein Radio. „Dafür brauchen Sie keinen Pfennig mehr zu zahlen.“ Als ich ihr erzählte, daß ihr neuer Mieter eine etwas dunklere Hautfarbe habe als wir, war sie entsetzt. Da müsse ihr Mann entscheiden, sagte sie. Am nächsten Tag rief sie mich an: ihr Mann habe das Zimmer bereits anderweitig vergeben.