Drei Antworten auf Joseph Krafts provozierende Thesen

Auf die Frage „Wie sehen uns die Amerikaner?“ hat Joseph Kraft in der ZEIT vom 19. Februar 1965 eine nicht eben schmeichelhafte Antwort gegeben: Das amerikanische Deutschlandbild werde bestimmt von Ressentiments aus der Nazi-Zeit – oder von totaler Gleichgültigkeit. Der Artikel hat eine starke Resonanz gefunden. Heute veröffentlichen wir drei amerikanische Stellungnahmen, die die Beobachtungen Joseph Krafts ergänzen – aber auch korrigieren. Felix Morley (den Lesern der ZEIT durch frühere Beiträge bekannt) hat in den USA eine Reihe von politischen Büchern veröffentlicht. Hajo Holborn lehrt Geschichte an der Yale Universität. Und Professor Harry D. Gideonse ist Präsident des Brooklyn College in New York.

Felix Morley:

Nur die halbe Wahrheit

Das von Joseph Kraft gezeichnete Bild der Bundesrepublik Deutschland ist zugleich korrekt und irreführend. Er sagt zwar die Wahrheit, aber nicht die ganze Wahrheit.

Bei vielen seiner Feststellungen könnte Deutschland genauso gut durch Frankreich, Spanien, Italien oder irgendein anderes westeuropäisches Land ersetzt werden, und sie wären immer noch richtig. Um es an einem Beispiel zu zeigen: „Niemand wird sich zu der Behauptung versteigen, Amerika nähme an der zeitgenössischen deutschen (schweizerischen, holländischen oder schwedischen) Literatur, der Kunst, der Musik oder dem Film lebendigen Anteil.“ Hier bildet nur Großbritannien eine Ausnahme, zum Teil, weil das Sprachproblem nicht existiert, zum Teil, weil die amerikanische Kultur in weitem Maße englischen Ursprungs ist, zum Teil aber auch, weil die intellektuelle Führung in den Vereinigten Staaten in angelsächsischen Händen liegt. Das hat zur Folge, daß die Vorliebe und die Bewunderung für England hier konkurrenzlos sind; das hat ja auch die ungeheure Anteilnahme am Tode Winston Churchills gezeigt.

Kraft hat eine ganze Reihe von Gründen für das mangelnde amerikanische Interesse an Deutschland und an anderen europäischen Staaten nicht angeführt. Es ist zwar ein Paradoxon, aber durchaus begreiflich, daß Europa als Ganzes die Amerikaner interessiert. Bucht ein Amerikaner eine Reise über den Atlantik, so sagt er zu seinen Freunden: „Ich gehe nach Europa!“ Nur so ganz nebenbei zählt er die Länder auf, die er besuchen will. Die Teile erscheinen ihm weniger bedeutsam als das Ganze.