Man nehme, lautet ein altes Rezept, ein paar pikante Zeitgeschichtsvisiten (sie sind, vortrefflich dosiert, als Konserven erhältlich) und führe, zur Fastnachtszeit, in einem Basler Hotel – es könnte auch in Brasilien liegen, Hauptsache, daß Karneval ist – drei exemplarische Typen, einen mit falschem Namen untergetauchten SS-Mann (A), einen schwerhörigen Juden aus Koblenz (B) und einen Widerstandskämpfer (C) zusammen, dessen Frau einmal Mirjam Lichtenstein hieß. Die Beziehungen ergeben sich dabei ganz von allein: denn selbstverständlich hat A im gleichen Konzentrationslager Morddienst getan, in dem man C’s Frau tötete und den Bruder B’s zu Kapodiensten zwang.

Die Welt, wer weiß das nicht, ist klein, und um die Wahrheit ans Licht zu befördern, braucht man nur in einer Hotelhalle so laut von persönlichen Dingen zu sprechen, daß auch der schwerhörigste Jude aufmerksam wird. Solange die Personen, statt „Guten Tag“ zu sagen oder vom Wetter zu reden, ihre Kamingespräche mit der Frage beginnen: „Und was haben Sie im Dritten Reich gemacht?“ ist für die Knotenschürzung nichts zu befürchten. Zur Not helfen auch Andeutungen weiter: so, wenn B und C, den Rücken zum Betrachter gewandt, durch eine Butzenscheibe lugen und über der Sentenz „Ja, da fließt er“ (zu ergänzen: der Rhein) Grundsatzprobleme der Emigration und Remigration analysieren.

Und dann eine Prise Erotik dazu; Maidanek mit derbem Sex und zarten Amouren durchsetzt. Alemannisches Brauchtum, ein Klaps auf den Popo der Bedienung, wird mit der hohen Minne konfrontiert: Privatdozent C und die exotische frouwe, Madame Nairobi, begegnen einander ... der Duft der großen weiten Welt erfüllt das Fastnachtshotel, und zwischen den Narrengewändern schreitet die Robe.

SS und französische Fremdenlegion, die Tropen und Madame Nairobis krankes Kind, das bei Professor Geigy Unterschlupf findet... das Karussell schaukelt und stampft... Mademoiselle Löwenzorn jedoch, die Hoteliere, sorgt mit gelassener Hand für die Einheit der Fabel. Viersprachig und erotoman gibt sie jedem das Seine, flirtet mit C, wirft die frouwe hinaus, verführt ihren Hausknecht zur Untat, öffnet der Tollheit die Tür und das Tor.

Mummenschanz drinnen und Mummenschanz draußen: zum KZ-Menü, zur Prise Erotik – oben die sanfte Erfüllung und unten ein betrübliches Interrumpieren –, zu Pfeffer und Salz, zu Busen und Schwank, zum Quentchen Kriminalistik (Mademoiselle, ein freundlicher Streifschuß, wurde niedergeschossen; der stolze Sizilianer ertrug es nicht länger, sich einen stinkenden Hausknecht nennen zu lassen), zur Messerspitze Komik und zum Löffelchen Tragik, zur Pose und zum Zyklon B kamen, als Würzen, die Fasenet-Elemente hinzu: Masken und Fratzen, der Basler Totentanz, Hölle und Pest, der Maler Holbein und die Musik von Saint-Saens.

Maidanek. Die Tropen. Der Tod. Die dralle Bedienung. Das kranke Töchterchen. Das Teufelsweib. Der Kriminalkommissar im Pyjama. Die Trommeln von Basel. Ein polyglottes Schweizervolk. Ein markanter SS-Mann. Ein trauriger Jude. Das hohe Paar. Die Komik der Bediensteten. Jedes Wort ein Treffer, jeder Begriff durchgespielt, jede Nuance erprobt. Und trotzdem, wie seltsam, wurden die Gesetze der Mathematik über den Haufen geworfen: Das potenzierte Plus ergab Minus.

Mademoiselle Löwenzorn, eine Komödie von Ulrich Becher, die sich nicht nur fatal nannte, sondern es auch war, ein Stück zudem, dessen Akteure vom Regisseur offenbar unter dem Gesichtspunkt der Dialektkundigkeit und nicht des schauspielerischen Könnens ausgesucht worden waren: dieses Dramolett wirkte so, als hätte ein Hör-zu-Team den Hamlet, die Ratten und den Hexer von Edgar Wallace zu einem Zeitstück vereint.