Von Hansjakob Stehle

Was sich weder Stalin noch Chruschtschow träumen ließen, geschieht nun vor den Augen ihrer Nachfolger: Wenn die Genossen in Osteuropa nach neuen Impulsen Ausschau halten, blicken sie immer öfter nach Rom und immer seltener nach Moskau. In der römischen Parteizentrale sitzt eine Gruppe von Intellektuellen und gescheiten Funktionären, die ihren Ehrgeiz nicht nur der eigenen Partei widmen, sondern "missionarisch" nach Osteuropa ausschwärmen und dort offene Ohren finden.

Als Togliatti kurz vor seinem Tode in seinem Testament von Yalta forderte, die Kommunisten müßten die "Vorkämpfer der Freiheit des intellektuellen Lebens und des künstlerischen Schaffens werden", kleidete er diesen Aufruf in eine Polemik gegen den Westen, wo er angeblich diese Freiheit bedroht sah. Togliattis Nachfolger reiben sich zwar auch an der westlichen Welt (in der sie sich Wahlchancen schaffen müssen), aber Luigi Longo, der neue italienische KP-Chef, geht weiter: "Wir betrachten es als unsere Pflicht, alle jene Elemente anzustacheln, welche die Bewegung zu größerer Demokratie in den sozialistischen Ländern bsechleunigen können, wo es..., wie wir glauben, nicht nötig ist, gewisse Freiheitsbeschränkungen aufrechtzuerhalten".

Ende Januar schickte Longo acht seiner jungen Intellektuellen nach Prag, Anfang Februar nach Budapest, um die "via italiana" des Sozialismus zu propagieren; in Warschau besitzt er schon seit Moskauer 20. Parteikongreß hat sich die Krise des Monolithismus nicht in ein neues System theoretischer Einheit verwandelt... Jede Entstalinisierung, die sich darauf beschränkt, nur bestimmte Begriffe der stalinistischen Ideologie in ihr Gegenteil umzukehren, kann nur neue abstrakte Hypothesen hervorbringen". So schreibt in der jüngsten Ausgabe des "Contemporaneo" Rossana Rossanda, Leiterin der Kulturkommission der KPI. Diese 38jährige temperamentvolle Dame führte auch die Delegation ihrer Partei in Budapest. Dort besorgte sie sich ein Interview mit Georg Lukacs, auf der Rückreise in Wien einen Aufsatz von Ernst Fischer, dem Haupt der österreichischen Reformkommunisten. Aus Prag brachten ihre Genossen skeptische Überlegungen des slowakischen Schriftstellers Laslo Novomesky mit, der in den fünfziger Jahren Opfer eines stalinistischen Schauprozesses gewesen war:

"Ich frage mich, ob die gegenwärtige Deutung, die der Kommunismus der Welt gibt, für die Wahrheitssucher, für die Jungen, die heute 20 oder 25 Jahre alt sind, noch die Bedeutung haben kann, die sie seinerzeit für uns hatte", schreibt Novomesky im "Contemporaneo". Seine Antwort fällt sehr skeptisch aus. Ernst Fischer, etwas optimistischer, versucht den Durchbruch: "Der Marxismus ist gar keine Ideologie ... Die Ideologien sind Festungen, aber die Ideen operieren auf offenem Terrain, messen ihre Kräfte im unmittelbaren Kampf. ... Wir müssen die Angst in der Regierung Nagy (1956) selten hervorgetreten ist. "Wir haben den Marxismus verloren und müssen ihn wiederfinden", sagte Lukacs den Italienern. "Es gibt einen Widerstand der stalinistischen Kräfte, der die Selbstkritik von Grund auf schwierig macht. Schwierig auch, weil die intellektuelle Verderbnis eine Generation hervorbrachte, die der Versuchung des Empirismus ausgesetzt ist."

"Und wie sehen Sie unter diesem Aspekt den russisch-chinesischen Streit fragten die italienischen Kommunisten Lukacs.

"Ich möchte sagen, daß die Sowjetunion recht hat, aber sie besitzt kein theoretisches Bewußtsein ihres geschichtlichen Rechthabens." Es fehle an der marxistischen Basis. In diesem Sinne hält Lukacs auch etwa die Reformvorschläge des Sowjetökonomen Liebermann für "reinen Empirismus, der nur unsere Wirtschaft an die kapitalistische anpaßt", ohne der Reform eine theoretische (marxistische) Basis zu geben. Zweifel meldet Lukacs auch gegen die modernen Strömungen in der Literatur an; er hält nichts von Ionesco, Musil und Beckett, nur Thomas Mann und ein Teil des Brechtschen Werkes scheinen ihm dauerhaft. "Ich bin bald achtzig Jahre alt und werde immer antimodernistischer", meinte er. "Ich sehe die Literaturgeschichte wie einen großen Friedhof: Tausende von Grabsteinen, und nur wenige Stimmen, die noch heute sprechen können."