RH, Hamburg

Wann ist der Mensch krank und nicht nur normal oder abnorm? – Wann wird zum Beispiel aus dem Durchschnittsmenschen ein Don Juan, der Leidende, Süchtige? – Welche Kindheitserlebnisse, welche Umgebung, welche Begegnungen und Neigungen führen zu bestimmten Erscheinungen und Verhaltensweisen

Fragen dieser Art waren es, die Professor Dr. Bürger-Prinz, Direktor der Psychiatrischen und Nervenklinik der Universität Hamburg, und der Leiter des Instituts für Sexualforschung, Dozent Dr. Dr. Giese, im Interesse ihrer Patienten besser beantworten wollten. Etwa zweitausend willkürlich ausgewählte Studenten aller Fakultäten sollten ihnen dazu einen vierunddreißig Seiten starken Fragebogen ausfüllen.

Giese hatte die 285 Fragen mit vielen Alternativ-Rubriken ausgewählt; Mitte Februar waren die Wissenschaftler soweit, daß die Fragebogen verschickt werden konnten. Sie wandten sich zunächst absichtlich nur an Studenten. In einem Begleitbrief hieß es: „Wir wissen wohl, daß Befragungen dieser Art prinzipiell höchst problematisch sind. Die Ablehnung einer solchen Befragung im gewöhnlichen Leben kann die Tatsache einer gesunden und intakten inneren Haltung der Sexualität gegenüber geradezu unter Beweis stellen. Gleichwohl wenden wir uns an Sie – und hier mittels Fragebogen –, weil wir Ihnen als Kommilitonen des akademischen Lebens eine derartige Umfrage über die eigene Sexualität persönlich wie sachlich wohl am ehesten zumuten dürfen. Wir appellieren dabei besonders an das Bemühen um Nüchternheit in der Registrierung der eigenen sexuellen Daten.“

Nüchternheit war es nun gerade nicht, was die „Bild“- Zeitung ihren Lesern zumutete. Hingegen war Sexualität etwas, das sich, aus dem wissenschaftlichen Rahmen genommen, leicht zu einem Lesestoff von Sex und Moral zusammenrollen ließ, Wobei der moralische Schluß gar nicht ausdrücklich gezogen zu werden brauchte. Der Leser fügte ihn, war er nur ein Musterleser von „Bild“, selber hinzu. So erschien dort ein Bericht über die Umfrage unter dem drei Zentimeter hohen Titel „Erschrecken Sie nicht“; darüber stand die Zeile: „Professoren bitten die Studenten:“

Keineswegs waren die Mediziner den Testpersonen mit „Erschrecken Sie nicht“ ins Gesicht gesprungen, lediglich am Ende ihres Briefes, der – eng getippt – fast eine Seite füllt, waren die Studenten aufgefordert worden, nicht über „Fragen nach Details zu erschrecken, die gewöhnlich als ‚abnorm‘ gelten.“ Die Norm „ist ein schmaler Grat, den man erst im Laufe sehr individueller Erfahrungen sehr unterschiedlich gewichtiger Art erreichen kann. Davon ist niemand ausgenommen.“

Will man freilich der „Bild“ Zeitung glauben, so sind zahlreiche Studenten und Studentinnen, ungeachtet dieser für angehende Wissenschaftler plausiblen Erklärung, „am meisten schockiert über gezielte Fragen nach eventuellen sexuellen Abnormitäten, die viele der jungen Menschen kaum vom Hörensagen kennen“. Doch haben die Befrager, denen bis zur „Auswertung“ ihrer Umfrage durch „Bild“ von 1650 versandten Bogen 650 zur wissenschaftlichen Auswertung zurückgeschickt wurden, nichts von studentischer Entrüstung vernommen. Daß ein Teil der Befragten die Bogen unausgefüllt zurückschickte, war vorausgesehen. Denen, die aus Hemmung oder anderen Gründen nicht zu antworten wünschten, war das sogar vorgeschlagen werden.