Paris, im März

Mehr als dreihundertmal gab der Elfenbeinhammer den Zuschlag: Das Ergebnis war fast eine halbe Million Francs für über tausend Handschriften. Im Sommer wird der zweite Teil der Sammlung, die in Paris unter den Hammer kam, versteigert, dann bleibt noch eine wertvolle Bibliothek. Ein Gesamterlös von mehr als einer Million ist den Erben sicher. Der Sammler hatte sein ganzes Junggesellenleben zwischen Büchern und Schriften zugebracht und dabei so zurückgezogen gelebt, wie es bei seiner aktiven und erfolgreichen Teilnahme an den öffentlichen Angelegenheiten nur eben möglich war. Er hieß Robert Schuman.

Als er vor zwei Jahren starb, standen die Repräsentanten ganz Europas an seinem Grab auf dem kleinen Dorffriedhof von Scy-Chazelles in Lothringen. Heute weiß man, daß Europa auch zu seinen Lebzeiten immer um Schuman war, und zwar in den Handschriften, die er in einigen hundert Aktendeckeln verwahrte: Briefe von Kepler und Kant, von Newton und Einstein, von Rousseau und Eichendorff, von Nansen und Schliemann, von Goethe und Jacob Grimm, von den deutschen Romantikern und den französischen Impressionisten, von Voltaire bis Johann Strauß, von Calvin bis Flaubert, von Karl Marx bis Richard Wagner, von Cooper, Dickens, Raphael, Verdi, Leibniz und Schiller, und natürlich von Racine, Victor Hugo und Maupassant. Um die wertvollsten Stücke – ein Brief von Beethoven, der 9900 Francs brachte, ein Brief von Racine, der mit 16 200 Francs, eine einfache Quittung mit dem Namen Raphael, die für 7300 Francs den Zuschlag bekamen, und ein Brief von Descartes, der über 12 000 Francs brachte – bemühte sich der internationale Kunsthandel.

Unter den Briefen, die Schuman selbst von seinen Zeitgenossen bekam, fand ein Briefwechsel mit Thomas Mann starkes Interesse. Er wurde von ihnen sowohl in deutsch wie in französisch geführt. Schuman war, wie aus einer Aufzeichnung hervorgeht, „skandalisiert“, als er feststellte, daß Thomas Mann noch nicht Ritter der Ehrenlegion war. Und Thomas Mann antwortete, als er von der Ernennung erfuhr, daß ihn das „schrecklich eingebildet“ mache und daß er das rote Band schon tragen möchte, bevor ihm die Auszeichnung in aller Form durch Robert Schuman selbst überreicht werden könnte.

Natürlich kann diese Sammlung nicht den nüchternen Rechner, den Finanzminister, den Skeptiker, den im Umgang mit der Macht beschlagenen und notfalls verschlagenen Politiker widerspiegeln. Sie ist der Spiegel eines Kulturbewußtseins, das die ganze alte Welt zu umfassen suchte, in dem aber das deutsche und französische Element den beherrschenden Platz einnahmen.

Der Zufall wollte es, daß sich gerade in den Tagen, in denen die Handschriftensammlung versteigert wurde, der „Figaro“ über den Zustand des Grabes von Robert Schuman empörte. Es liegt anscheinend noch so, wie der Totengräber es zugeworfen hat: Nur eine einfache Platte mit dem Namen ermöglicht die Identifizierung.

Schumans Freunde bemühen sich jetzt um eine Lösung, die einer Gedenkstätte ähnlich sein soll. In dem Moseldorf, auf dessen Friedhof er heute liegt, befindet sich eine Kirche des 13. Jahrhunderts, die sie restaurireen und zur letzten Ruhestätte machen wollen. Sie steht nur wenige Schritte entfernt von dem Schumanschen Haus, auf dessen Gelände noch ein Jugendwerk errichtet werden soll. Auf diese Weise würde ein Treffpunkt der europäischen, vor allem der deutsch-französischen Jugend, entstehen. Ernst Weisenfeld