Berlin

Seit seinem Auftreten, mehr noch nach seinem blamablen Abtreten als Sachverständiger im Münsteraner Prozeß gegen Dr. Weigand („Ich trete aus dem Unternehmen aus!“) steht Professor Dr. med. Helmut Selbach, Ordinarius für Psychiatrie und Neurologie und Direktor der psychiatrischen und neurologischen Klinik der Freien Universität Berlin, im Licht der Öffentlichkeit. Selbst ein Teil seiner Studenten forderte wiederholt, wenn auch bislang ohne Erfolg, seine Abberufung oder seinen Rücktritt.

Die Vorwürfe, die gegen Selbach erhoben werden, sind mannigfaltiger Art. Drei Fälle seien hier herausgegriffen:

Da ist zunächst der Fall des Oberpostrats Slowik. Dieser Beamte hatte eine Doppelfunktion: Er war Leiter des Westberliner Postscheckamtes und zugleich mit der politischen Oberprüfung von Postlern beauftragt, die aus der DDR geflüchtet und im bundesdeutschen Postwesen beschäftigt werden sollten. Daher hatte Slowik einen direkten Draht nach Bonn, was seinen Berliner Vorgesetzten nicht paßte.

Als er im Sommer 1957 auf Urlaub war, ließen sie Slowiks Wohnung durchsuchen und beschlagnahmten, unter Umgehung von Polizei und Staatsanwaltschaft, vier Aktenordner; ein Vermerk über diese Aktion „etwas außerhalb der Legalität“ findet sich in den Postakten. Als Slowik aus dem Urlaub zurückkam und die Bescherung sah, glaubte er, der Staatssicherheitsdienst aus Ostberlin habe ihm einen Besuch abgestattet und alarmierte seine Kontaktleute in der DDR, von denen einige schleunigst nach Westberlin flüchteten, während andere vor ihrer Flucht verhaftet wurden. Slowik erlitt einen Nervenzusammenbruch. Dies war für die Landespostdirektion Berlin der gegebene Moment, den Oberpostrat ein für allemal loszuwerden. Man veranlaßte ihn, sich von Professor Selbach untersuchen zu lassen.

Zwar wurde die Untersuchung von einem Assistenten Selbachs durchgeführt, und der Professor selber sah den Oberpostrat nur ganze drei Minuten. Das hinderte ihn jedoch nicht daran, ein Gutachten von 108 Seiten anzufertigen, datiert vom 3. Juli 1958. Dort hieß es, der Zustand Slowiks könne durch einen vorübergehenden Sanatoriumsaufenthalt nicht gebessert werden; auf Seite 106 aber empfahl Selbach, bei Erstellung eines neuen Gutachtens ließe sich eine Besserung nach einem längeren Sanatoriumsaufenthalt dennoch erwägen. Dem damaligen Präsidenten der Landespostdirektion, Dr. Hoffmann, war damit nur wenig gedient. Er machte Selbach auf die Widersprüche in seinem Gutachten aufmerksam und ließ durchblicken, daß eine Zwangspensionierung Slowiks im höheren staatlichen Interesse liege. Daraufhin änderte der Professor seine Gutachten: Unter dem Aktenzeichen P II 107 findet sich in der Akte Slowik eine Korrektur, wonach Selbach am 10. September 1958 erklärt habe: „Auch bei längerer nervenklinischer Behandlung besteht für eine endgültige Gesundung keinerlei Wahrscheinlichkeit.“

Der zwangspensionierte Postrat bemühte sich vergeblich um ein Gutachten anderer Berliner Psychiater. Einer von ihnen erklärte ihm aber, er könne unter keinen Umständen anderer Meinung sein als Professor Selbach, sonst sei er in Berlin „unten durch“. Slowik ließ sich schließlich von Professor Sturm in Wuppertal untersuchen, der denn auch seine Dienstfähigkeit feststellte. Seitdem prozessiert Slowik gegen die Bundespost. Er sieht nicht ein, warum er mit 53 Jahren (monatliche Pension 1500 DM) spazieren gehen soll. Seine Klage wird nun vor dem Bundesverwaltungsgericht in Berlin verhandelt werden; neben einem Schadensersatz von rund 100 000 DM verlangt Slowik seine Wiedereinstellung in den Dienst. Außerdem will der Oberpostrat auch gegen Professor Selbach eine Klage anstrengen.