Triumph des Bürgersinns – Armut ist ein Makel – In einer amerikanischen Kleinstadt

Von Nina Grunenberg

Ich war ein Erfolg. Das behauptet Mary, eine aktive Fünfzigerin, die meinen Besuch in Portland organisiert hatte. Beim Abschied sagte sie nämlich: "Sie sind sehr populär. Vielen Dank." Tatsächlich: der Schuster und der Polizeichef, der Oberstadtdirektor und der Steuermann von der Inselfähre, die Nachbarn meiner Freunde und Richter Tapley – sie grüßten fröhlich über die Straße: "Hi, Nina!" Sie kannten mich von Besuchen, Partys, sogar aus der Zeitung. Dort hatte mein Bild gestanden, einmal zusammen mit dem der Vorsitzenden des Republikanischen Frauenclubs von Portland und mit meinen Antworten auf die Fragen: "Wo kommen Sie her? Wie lange sind Sie schon in Amerika? Wie gefällt Ihnen Amerika?" Zehn Tage hatte ich in der amerikanischen Kleinstadt Portland im Staate Maine zugebracht – man kannte mich.

Dabei bin ich kein Filmstar und sehe auch gar nicht so aus. Ich war nichts als eine Reisende, die aus Europa kam und dazu noch eine Deutsche war. Nicht, daß mir das jemand nachgetragen hätte; nur der achtjährige Sohn meiner Freundin Hazel, die mich in ihr Haus eingeladen hatte, monierte: "Warum eine Deutsche? Die Deutschen sind doch unsere Feinde?" Hazel war darüber bekümmert gewesen, aber sie hatte sich und mich getröstet: "Wenn du jetzt bei uns bist, merkt er wenigstens, daß die Deutschen keine Menschen fressen Andere Portlander fragten höchstens, warum wir die Juden vergast hätten und ob man in Deutschland Sommerkleider tragen könne; denn ihrer Meinung nach lag Deutschland irgendwo am Nordpol, und sie fan – den es höchstens kurios, wenn ich sagte, daß ihr Bundesstaat nördlicher liege als der meine.

Daß mein Besuch ein Erfolg war, freute mich für Mary. So hatte ich ihr wenigstens ein bißchen die große Mühe vergolten, die sie sich gegeben hat, mich mit den richtigen Leuten von Portland bekannt zu machen. Dabei versicherte sie mir immer wieder, das alles mache ihr nur Spaß.

Erst später wurde mir klar: Welche Katastrophe für sie, wenn ich kein Erfolg geworden wäre! Denn Mary hatte ihr ganzes Prestige bemüht und all ihre Verbindungen spielen lassen und einflußreiche Leute, mit denen sie selber gesellschaftlich nicht verkehrte, um eine Einladung für die Deutsche gebeten und die Lokalzeitung aufgefordert, mich zu interviewen, und mir die Tür zum Fräuenklub geöffnet. Wenn alle diese Leute mich nicht "nice" gefunden hätten – der Makel hätte an Mary gehaftet.

Warum das so ist, das kann wohl nur ein Europäer fragen. Während ich in Portland herumgereicht und mit Gesten selbstverständlicher und herzlicher Gastfreundschaft überschüttet wurde, überlegte ich mir zuweilen, wie so ein Besuch in Deutschland aussähe: Einer deutschen Maria wäre es wahrscheinlich sehr lästig, einen fremden Ausländer zehn Tage lang zu unterhalten, ihm womöglich noch ein Bett im eigenen Haus anzubieten, obskure Sonderwünsche zu erfüllen und das alles – für nichts. Man lächelt fröhlich, verabschiedet sich – wahrscheinlich auf Nimmerwiedersehen.