Der Engländer Edward Whymper bezwang Europas gefährlichsten Berg

Von Alex Natan

Als Edward Whymper und seine sechs Genossen am 14. Juli 1865 den Gipfel des Matterhorns erklommen, wurden sie damit die ersten Menschen, denen es geglückt war, diesen denkwürdigen Berg, 4478 Meter hoch, zu ersteigen. Wer jemals Zermatt besucht hat, wird niemals die imposante Riesenpyramide des Matterhorns vergessen, die sich, bei Tag und bei Nacht, in Winter, und Sommer, in erregender Vielfältigkeit präsentiert. Der Triumph und die Tragödie, die mit dieser Großtat verbunden waren, machte die Besteigung des Matterhorns zu einem der beiden Sensationsereignisse des Jahres 1865. (Das andere war die Ermordung von Präsident Abraham Lincoln). Um die hundertste Wiederkehr dieses montanen Ereignisses festlich zu begehen, haben die Schweizer dieses Jahr zum ,Jahr der Alpen’ erklärt.

Obwohl das Matterhorn heute längst nicht mehr zu den Problembergen von den Alpinisten gezählt wird, wenn wir von der Nordwand einmal absehen, so wurde es viele Jahre lang als der ‚unmögliche Berg‘ betrachtet. Bergführer weigerten sich, hier Hilfsdienste zu leisten. „Jeden anderen Gipfel, nur nicht das Matterhorn“, meinte einer von ihnen, als sich Whymper bemühte, einen Bergführer zu einer Versuchsbesteigung zu gewinnen. Als aber endlich das Matterhorn bezwungen war, ging damit auch die Zeit jener Pioniere zu Ende, die die meisten 4000-Meter-Besteigungen beendet hatten. Die Welt mußte 80 Jahre warten, bis die Akrobatenstückchen an der Eiger-Nordwand und andere Begegnungen mit dem Alpentod stattfanden. In der Zwischenzeit hatte sich die Gilde der passionierten Kletterer den außereuropäischen Gipfeln zugewandt.

Die europäische Phase in der Geschichte der großen Besteigungen begann 1786, als Dr. Paccard und Jacques Balmat den Mont Blanc bezwangen, den ersten der gewaltigen Riesen, den sie ‚aus purer Kuriosität und Abenteurerlust‘ eroberten. Vor diesem Jahr hatten es nur sehr wenige Menschen unternommen, ein paar Gipfel zu erstürmen, entweder zur Strafe für ihre irdischen Sünden oder weil es ihnen einfach von ihren Duodezfürsten anbefohlen worden war. Niemand ist jedenfalls zu einem schneebedeckten Gipfel gestiegen, nur weil er da war... jener Grund, den die meisten modernen Bergsteiger als Grund für ihre Begeisterung angeben. Es ist sogar recht schwer, historische Dokumente nachzuweisen, in denen auch nur Bewunderung für die Gipfel von erdgebundenen Menschen angesprochen wird. Den realistischen Gefahren beißender Kälte, eisiger Stürme, Lawinen, trügerischer Schneebrücken und schlecht markierter Bergpfade haben mittelalterliche Bauern noch manchen Aberglauben und Schrecken hinzugefügt. Sie glaubten an den Tazzelwurm in den Eishöhlen, an andere Drachen im Fels, an Pontius Pilatus, der oberhalb Luzerns Gericht abhielte, an jene schneebedeckte Ruinenstadt schließlich, die sich auf dem Gipfel des Matterhorns befinden sollte, und von bösen Dämonen bewacht wurde. Diese Furcht vor den Bergen dauerte bis ins achtzehnte Jahrhundert hinein. Später, als unmittelbare Folge des romantischen Interesses an der Natur, das Rousseau nahm, und der Reisepropaganda, die Gibbon durch sein epochemachendes Werk über das Römische Reich entfachte, das größtenteils in Lausanne niedergeschrieben worden war, und einiger anderer Schriftsteller, die ihre Gedichte und Romane in den Alpen spielen ließen, entwickelte sich eine richtige Revolution der Freizeitgestaltung. Wer es sich finanziell erlauben konnte, fuhr in die Schweiz, um die ‚Gefühle der Ehrfurcht und der Bewunderung zu genießen, die die schneesturmumbrausten Gipfel hervorriefen‘. Zum allergrößten Erstaunen jener Menschen, die in den Alpen lebten, wurden diese Gipfel unter den Besuchern aus dem Ausland Mode, so daß einige Waghälse es unternahmen, sie zu besteigen, einfach weil es ein viel exklusiveres Vergnügen darstellte als sie nur von unten in der Gesellschaft der ‚hoi polloi‘ zu besichtigen.

Mit Leitern in die Wand

Nacheinander wurden die berühmten alpinen Gipfel gestürmt, oft in einer Ausrüstung, die manchen modernen Felskletterer in Erstaunen versetzen würde, weil er davon überzeugt sein würde, darin zu Tode zu frieren. Einer jener englischen Pioniere des Alpinismus schrieb vor über 100 Jahren: „Mein Kostüm bestand aus weißen Flanellhosen, wie wir sie zum Kricketspiel tragen, aus einem Jackett aus dem gleichen Material, aber mit langen Ärmeln, einem weißen Leinenmantel, einem Flanellhemd, weißem Filzhut, einem Paar Merinowollstrümpfen und darüber die dicksten Socken, die ich auftreiben konnte sowie schließlich doppelt gesohlte Stiefel, deren Sohlen mit Nägeln besteckt waren. Dazu nahm ich noch ein Paar lange Tuchgamaschen mit, die ich aber nur nachts trug“.