Moskau erlebte am vorigen Donnerstag die schwerste Straßenschlacht seit der bolschewistischen Revolution. Etwa 3500 Studenten aus Asien, Afrika und Lateinamerika, angeführt von Chinesen und Nordvietnamesen, zogen vor die US-Botschaft in der Tschaikowskystraße, um gegen Bombenangriffe auf Nordvietnam zu protestieren. 500 Polizisten, 600 Rotarmisten und etliche hundert Hilfspolizisten mit zwei Dutzend Pferden, 27 Wasserwerfern und Schneepflügen stellten sich ihnen entgegen. Dennoch durchbrachen die Studenten die Sperren und schleuderten Steine, Flaschen, Eisblöcke und 85 Tintenfässer gegen die Botschaft. 175 Fensterscheiben gingen entzwei.

Amerikaner kamen nicht zu Schaden, aber ein Sowjetsoldat verlor ein Auge. Nach Meldungen aus Peking wurden dreißig chinesische Studenten verletzt. Neun Schwerverletzte wurden angeblich rücksichtslos aus einem Krankenhaus hinausgeworfen.

Die Sowjetregierung geriet zwischen zwei Feuer: von den Amerikanern wurde sie beschuldigt, sie habe die Botschaft nicht genügend geschützt und die Demonstration stillschweigend gefördert, von den Chinesen, sie habe eine antiamerikanische Demonstration unterdrückt. Chinesische Studenten demonstrierten prompt vor der Sowjetbotschaft in Peking.

Gleichzeitig mit diesen Protesten gegen die „schlappe“ Haltung der Sowjetunion im Vietnam-Konflikt forderten Pekings Propagandisten die Kreml-Führung auf, der Politik ihres Vorgängers Chruschtschows abzuschwören. Doch die Sowjets ließen sich nicht provozieren. Die Moskauer „Vorkonferenz“ von 19 moskau-treuen Parteien, einst von Chruschtschow erdacht als Vorspiel zu einem Weltkonzil, das den Bannstrahl gegen die chinesischen Ketzer schleudern sollte, wurde in ein harmloses „Konsultativ“-Treffen umgetauft. Die Delegierten begnügten sich mit Einigkeitsappellen und versicherten, daß es ohne China keine kommunistische Weltkonferenz geben könne. Dennoch brandmarkten Pekings Gefolgsleute in Albanien die Moskauer Tagung, als „Anschlag zur Spaltung der kommunistischen Bewegung“.