Cecil Roth: Geschichte der Juden. Von den Anfängen bis zum neuen Staat Israel; Verlag Kiepenheuer und Witsch, Köln; 540 Seiten, 30,– DM.

Ein Buch für das große Publikum. Keinerlei wissenschaftliche Apparatur, wenig Anmerkungen. Der Leser muß dem Autor vertrauen; er kann dessen Angaben nicht nachkontrollieren. Diese „Short Story of the Jewish People“ reichte in der ersten Originalfassung nur bis 1936. Aber der Bericht ist bis auf unsere Gegenwart ergänzt worden: in der gleichen wohltuenden Nüchternheit, mit der das ganze Buch – unerachtet des meist Furchtbaren, das es berichten muß – geschrieben ist. Hier ist das taciteische sine ira et studio wirklich einmal strikt durchgehalten worden; auch alles religiös Ideologische oder romantisch Verklärende bleibt weit dahinten.

Wie anders die üblichen Darstellungen! Ich erinnere etwa an Martin Noths Geschichte Israels (1954), deren Verfasser als evangelischer Theologe schreibt, oder an Eduard Meyers Untersuchungen zur Geschichte des Judentums, deren Autor dieses – fast ironisch – eine „Schöpfung des Perserreichs“ nennt und der in seiner vielbändigen Geschichte des Altertums bei Behandlung des Jüdischen seinen antisemitischen Affekt oft nicht unterdrücken kann; ich denke auch an Gustav Hölschers Geschichte der israelitischen und jüdischen Religion (1922), deren Verfasser – obwohl selbst ein Doktor der Theologie – „die jüdische Entwicklung als selbständig und in sich geschlossen“ zu betrachten vermag, also ohne auf das Christliche zu schielen.

Auf jeden Fall ist. die vorliegende Darstellung singulär: ohne spezifische Religionsinteressen, ohne theologische Verunklärungen der Tatbestände. Ein Ersatz (das Wort in gutem Sinne verstanden) für die älteren riesigen Geschichtswerke von Dubnow (zehn Bände) oder Graetz (dreizehn Bände).

Cecil Roth hat, als er 1936 seine Arbeit abschloß, die blutigen Judenverfolgungen des Mittelalters als einmalig bezeichnet. Heute denken wir anders darüber. Die Hitlersche „Endlösung“ hat jene an Grausamkeit, Systematik und Perfektion der Massentötung weit übertroffen. Übrigens ist die vielgerühmte Objektivität der Engländer auch hier zu bemerken: nicht nur die braunen Teutonen haben gesündigt; Roth ist auch gegen sein eigenes Land erbarmungslos gerecht; ich zitiere: „Da das Bedürfnis nach einem Zufluchtsort immer dringender wurde und sich kein anderes Zufluchtsland bot, gewann Palästina in den Augen der verfolgten Juden immer größere Bedeutung. Die Hoffnung auf Zion lieferte den Juden in dieser Situation die einzige Quelle moralischer Stärkung. Die britische Regierung hielt sich jedoch auch jetzt noch pedantisch an die Politik des Weißbuchs von 1939. Den Flüchtlingen, die der mitteleuropäischen Hölle entronnen waren und die ihren Weg über Gebirge und durch Wüsten genommen hatten, wurde der Zutritt zum Land ihrer Hoffnungen versagt.“

Und noch andere erhalten ihr Teil:

„Gewissenlose Schiffseigentümer und Schiffskapitäne, deren Schiffe unter den unwahrscheinlichsten mittel- und südamerikanischen Flaggen fuhren, nützten das Elend der Flüchtlinge aus und versprachen ihnen, sie in das Heilige Land zu bringen, wenn sie unerhört hohe Beträge zahlten. Manchmal wurde mit einem schadhaft ten Schiff ... durch eine einzige Reise ein Gewinn von 10 000 oder 20 000 Pfund Sterling erzielt. Unter diesen Umständen wurden Schiffskatastrophen zur Regel. Besonders berüchtigt war der Fall der S. S. Struma. Dieses Schiff lag drei Monate lang mit fast achthundert an Bord zusammengedrängten Flüchtlingen aus Rumänien vor Istanbul. Die rumänische Regierung erklärte hartnäckig, daß die Flüchtlinge durch das illegale Verlassen des Landes alle Rechte verloren hätten; die britische Regierung weigerte sich, die Flüchtlinge nach Palästina zu lassen, und die Türken gestatteten die Landung nicht. Am 23. Februar 1942 fuhr das seeuntüchtige Schiff mit seiner unglücklichen Menschenfracht aus. In der nächsten Nacht sank es. Ein einziger konnte gerettet; werden.“ Doch mag die Tatsachen-dichte des Gesamtberichts, sein marmorner Matter-of-fact-Stil den Leser verlocken, das Ganze kennenzulernen. Walter Benjamin hat einmal tadelnd gesagt, alle: bisherige Geschichte sei vom Standpunkt der Sieger geschrieben. Hier nun war diese Unart professoral-konformistischer Geschichtsschreibung einmal nicht realisierbar. Die Geschichte der Juden ist eine Geschichte der stets Unterlegenen, Verfolgten, Erniedrigten und Beleidigten. Das wird in dieser sich schlicht und unsentimental als short story gebenden Darstellung erschütternd deutlich (Understatement greift ans Herz – mehr als die Rhetorik der Leidenschaft). Eine Sozialgeschichte dieser ganz besonderen Art mußte einmal geschrieben werden.

Helmuth Burgert