DER KANDIDAT

Komödie von Gustave Flaubert

Landestheater in Darmstadt

Daß dieses fulminante Theaterstück, als Gattung ein Nebenwerk des Erzählers Flaubert, neun Jahrzehnte im deutschen Theater ungespielt blieb, ist schwer zu begreifen. Gerhard F. Hering und Hans-J. Weitz haben für die deutsche Premiere in Darmstadt eine neue Übersetzung hergestellt. Heinz Schirk führte Regie in bezaubernd leichten, wie mit der Zeichenfeder gestrichelten Bühnenbildern von Ruodi Barth. Zwei Dutzend Schauspieler spulten eine Typenkomödie ab: jeder ein Mensch, keiner als Karikatur überzeichnet, alle zusammen ein komödiantisches Ensemble, das den Sarkasmus des Autors in einem geschliffenen Kammerspiel servierte. Glückliches Darmstadt!

„Der Kandidat“ Flauberts ist ein Wahlkandidat. Der reiche Herr Rousselin, der auf dem Lande lebt, bewirbt sich um einen Sitz im Parlament. Für wen aber soll er kandidieren? Eine eigene Überzeugung besitzt dieser „Politiker“ nicht. Er macht Versprechungen den Konservativen, den Liberalen, sogar den Sozialisten. In einer turbulenten Wählerversammlung enthüllt sich die Unreife des Volkes; jeder Bürger will seine Privatinteressen bestätigt sehen. Die Stimmführer, schließlich ein verarmter Graf, der smarte Fabrikant Mürel, ein einflußreicher Journalist und der im letzten Augenblick für Geld verzichtende Gegenkandidat, sie haben es alle nur auf den Reichtum oder auf die Tochter oder die Frau Rousselins abgesehen. Schließlich entscheiden skrupellose Wahlgeschenke, die der Kandidat macht, über seinen Einzug ins Parlament.

Flaubert geißelt Erfahrungen mit der französischen Demokratie von 1848 bis 1872. Er notiert unbarmherzig menschliche Schwächen. Geistige Auseinandersetzungen finden nicht statt. Ein politisches Gegenkonzept wird nicht sichtbar. Eine Demokratie, die in diesem Spiegel vollständig erfaßt wäre, hätte den Untergang verdient. Eine „schwarze Komödie“. Amüsierter Szenenapplaus während der Premiere bestätigte jedoch, daß Flaubert stellenweise frische Wunden trifft.

Karl Friedrich spielte den reichen Rousselin ganz leicht, fast schwebend in seiner Hilflosigkeit. Erinnert man sich an desselben Schauspielers schwer daherschlurfenden, erdhaften Hausknecht Melchior in Nestroys „Jux“, so wird die komödiantische Spannweite dieses Charakterkomikers deutlich. Dank Schirks präzisierender Menschenführung sah ich Werner Kreindl als Mürel erstmals ohne jeden „Drücker“ – eine faszinierende Leistung. Bewundernswert das Gestaltenpanorama, das Schirk aus Chargen erschuf. Über die übliche Maskenbildnerei weit hinaus führten die Wirkungsmittel des individuellen Gangs und der persönlichen Sprache. Für die nuancierende Dialogregie nur zwei hervorragende Beispiele: Milia Fügen als Madame Rousselin und Maria Kayssler, deren Pointen als englische Gouvernante „saßen“, als ob eine Tür ins Schloß gefallen wäre. Solches Theater, das immer vom spielenden Menschen, nicht vom szenischen Effekt ausgeht, ist vorbildlich.

Johannes Jacobi