Der indische Premierminister Shastri hat – nach der Hungersnot und dem Sprachenstreit – einen dritten schweren Prestigeverlust hinnehmen müssen: Bei der Wahl im südwestindischen Bundesstaat Kerala wurde seine Kongreßpartei, die in allen indischen Staaten an der Macht ist, von den Peking-treuen Kommunisten besiegt.

Für Maos Gefolgsleute war der Wahlsieg ein doppelter Triumph: Von den 77 Kandidaten der Moskau-hörigen Alt-Kommunisten kamen nur drei durch, während die Peking-Kommunisten 59 von 133 Sitzen eroberten.

Shastris Kongreßparei erhielt nur 36 Mandate. Allerdings hätten seine Gefolgsleute genauso erfolgreich wie die Linksradikalen sein können, wäre nicht im letzten Jahr das passiert, was die Inder ihre „Profumo-Affäre“ nennen. Innenminister O. T. Chacko, Kongreßparteiler und Christ, war nach einem Autozusammenstoß mit einem hübschen weiblichen Fahrgast an seine Seite angetroffen worden. Seine Freunde sagen, das Mädchen sei eine Mitarbeiterin gewesen, die er habe mitfahren lassen. Seine Gegner in der Partei aber zogen seine moralische Reputation solange in Zweifel, bis er vor Aufregung einem Schlaganfall erlag.

Von diesem Moment an machte sich die christliche Minderheit in der Landespartei selbständig und ruhte nicht eher, bis sie zusammen mit den Kommunisten, Hindus und Muslims die Regierung Shankar gestürzt hatte. Bei dir letzten Wahl brachte es der abgespaltete „Kerala Kongreß“ auf 26 Mandate.

Trotz des mißlichen Wahlausganges brauchte Shastri nicht zu verzweifeln. Ohne seine Zustimmung können die Kommunisten keine Koalitionsregierung bilden. Wenn sich unter den acht gewählten Parteien und den Unabhängigen keine Regierungsmehrheit findet, kann Shastri das Land, wie schon in den letzten Monaten, von Delhi aus verwalten. Im übrigen sitzen 28 der gewählten Peking-Kommunisten seit einigen Wochen hinter Schloß und Riegel. Sie wurden, zusammen mit 900 anderen, ohne Gerichtsverfahren verhaftet, weil sie angeblich einen Aufstand nach dem Vorbild Fidel Castros geplant hatten.

Schon einmal, 1957, hatten die Kommunisten in Kerala eine Wahl gewonnen und sogar eine Landesregierung gebildet, die jedoch – nach Ausbruch von Unruhen – im Sommer 1959 von Nehru abgesetzt wurde. Kerala, einer der kleinsten Staaten der Indischen Union, ist für den Kommunismus aus mehreren Gründen besonders anfällig: Die Masse der 17 Millionen Einwohner ist außergewöhnlich arm. Nirgendwo in Indien ist die Bevölkerungsdichte so groß wie hier (fast 500 Menschen pro Quadratkilometer), aber auch nirgendwo sind so viele Inder (46 Prozent) schon des Lesens kundig, wie in diesem seit Jahrhunderten weltoffenen Küstenland.