Bonn, im März

Es war kein einsamer, aber für die meisten ein überraschender Entschluß, mit dem Kanzler Erhard die tagelangen und schließlich peinlich wirkenden Beratungen über die Bonner Nahostpolitik vorläufig abschloß. Am Sonntagvormittag, wenige Stunden vor der öffentlichen Bekanntgabe der Fünf-Punkte-Erklärung, rang Erhard immer noch um den Entschluß, diplomatische Beziehungen mit Israel aufzunehmen. Bis dahin stand nur fest, daß die diplomatischen Beziehungen zu Kairo nicht abgebrochen werden sollten. Aber der Kanzler hatte wohl das Gefühl, daß die Mitteilung dieses Beschlusses, der ja nur die längst verkündeten Wirtschaftssanktionen bestätigt, als eine halbe Niederlage der Bundesregierung aufgefaßt werden könnte. Insbesondere fürchtete er wohl, Franz Josef Strauß und seine Freunde, die so entschieden auf den Abbruch der Beziehungen zu Ägypten gedrängt hatten, würden eine Mißachtung dieser Forderung übelnehmen.

Und so wählte Erhard, wie so oft in wichtigen Fragen, jene Mitte, in der jeder ein Stück seiner Ansicht, wenn auch nicht die ganze, wiederfindet. Schröder fand sich bestätigt, weil der Bruch mit Kairo unterblieb, Strauß, weil ein besserer Kontakt zu Israel angebahnt werden soll.

Dreizehn Stunden lang hatte der Kanzler am Donnerstag und Freitag mit der hinter Schröder stehenden Gruppe im Kabinett gerungen, die sich auf Wirtschaftssanktionen gegen Ägypten beschränken und den Abbruch der diplomatischen Beziehungen mit Kairo vermeiden wollte. Zu dieser Gruppe gehörten die Bundesminister der FDP, von der CDU die Minister von Hassel und Krone. Bundeswirtschaftsminister Schmücker stand dieser Gruppe näher als der anderen. Von den CSU-Ministern sollen sie Dollinger und auch Höcherl, allerdings mit Vorbehalten, unterstützt haben. Die übrigen Minister der Union, besonders Lemmer, Lücke und Heck, plädierten für den von Erhard vorgeschlagenen Abbruch der Beziehungen zu Ägypten.

Bundesaußenminister Schröder verteidigte gewandt und zäh seine Meinung, daß unter den gegebenen Umständen der Bundesrepublik nur Wirtschaftssanktionen übrigblieben. Er wollte sich nicht wieder dem Vorwurf aussetzen, er vertrete eine Ansicht, die er für richtig halte, ohne den nötigen Nachdruck. Vermutlich hätte sich der Kanzler trotzdem über seine Argumente hinweggesetzt, zumal, da aus den Reihen der FDP bereits zu hören war, sie würde das Kabinett auch dann nicht verlassen, wenn der Kanzler gegen ihre Auffassung entscheiden sollte.

Am Freitagvormittag aber, kurz vor der zweiten Geheimsitzung der Minister, warnten die beiden angelsächsischen Botschafter, insbesondere der amerikanische, den Kanzler vor dem Abbruch der Beziehungen mit Ägypten. In der krisenhaften Nahostsituation könnten sich daraus unabsehbare Folgen ergeben. Der amerikanischen Regierung lagen zu jener Zeit bereits die Berichte ihres Sonderbotschafters Harriman vor, aus denen hervorging, daß sich die Situation im Nahen Osten durch den Streit um das Jordanwasser und andere Konflikte weiter verschärft habe. Auch mögen die Wirtschaftsinteressen Englands und Amerikas in dem ölreichen Nahen Osten zu einer Politik der Vorsicht gemahnt haben. Am nächsten Tage schloß sich auch der französische Botschafter Seydoux der Warnung seiner angelsächsischen Kollegen an. Er hatte inzwischen aus Paris entsprechende Instruktionen erhalten, die ihm tags zuvor bei der gemeinsamen Besprechung der drei Botschafter mit dem Kanzler noch gefehlt hatten. Damit war die Front der abbruchswilligen Minister ins Wanken gebracht.

In Bonn häufte sich inzwischen die Flut der Protesttelegramme aus vielen Teilen des Landes gegen die Entschlußunfähigkeit der Bundesregierung zu Bergen. Der Fraktionsvorsitzende der CDU/CSU im Bundestag, Rainer Barzel, der eben aus Amerika zurückgekehrt war, berichtete dem Kanzler über seine Gespräche mit der amerikanischen Regierung und jüdischen Organisationen, in denen auch die deutsche Haltung in der Nahostkrise erörtert worden war. Barzel riet dem Kanzler, was Strauß schon lange gefordert hatte, nämlich diplomatische Beziehungen zu Israel aufzunehmen. Erhard besprach die Frage auch mit dem Bundespräsidenten. Bundesaußenminister Schröder warnte. Er befürchtete eine scharfe Reaktion der arabischen Länder. Aber Erhard setzte sich darüber hinweg und entschied sich am Sonntag für wirtschaftliche Sanktionen gegen Ägypten und die Aufnahme diplomatischer Beziehungen mit Israel.