Dschingis Khan“ droht der Filmstadt Berlin den Todesstoß zu versetzen. Wenn im April die blutdürstigen Horden des asiatischen Eroberers über die Leinwand des neuen Lichtspieltheaters im Europa-Center an der Gedächtniskirche preschen, wird man bei den Eingeweihten unter den Premierengästen nachdenkliche Gesichter sehen. Der Großfilm (breiter als Breitwand) in Farbe hat 24 Millionen Mark verschlungen – eine ungewöhnlich hohe Summe für deutsche Filmverhältnisse, und dies in der Krisenzeit von „Papas Kino“!

Die Finanzierung dieses Films hat nicht nur dem geschickten Filmkaufmann Artur Brauner Kopfzerbrechen gemacht. Als Coproduktion mit der britischen Irving Allan Ltd., London, entstand der Superstreifen mit internationaler Besetzung in den Ateliers der Central Cinema Company CCC-Film GmbH in Berlin-Spandau. Die Außenaufnahmen wurden in Jugoslawien heruntergekurbelt. Obwohl dies als „billiges“ Filmland gilt, schwollen die Produktionskosten von den geplanten 17 Millionen auf 24 Millionen Mark. Allein zwei Millionen Mark wollten die vier Hauptdarsteller haben: James Mason, Steven Boyd, Omar Sharif und Eli Walach.

Das Bürgschaftskonsortium in Berlin spielte da nicht mit. Artur Brauner bekam keine Landesbürgschaft; und ohne Bürgschaft gab es keine billigen Kredite. Die Verleihgesellschaft Columbia stellte zwar 500 000 Dollar zur Verfügung, doch das war nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Die beiden Coproduzenten mußten tief in die Tasche greifen.

Für den 1945 aus Lodz nach Berlin gekommenen ungekrönten Filmkönig der deutschen Metropole hatte dies Folgen. Er konnte seine weiteren Filmpläne vorerst nicht weiter betreiben. Seine Ateliers, die ohnehin in letzter Zeit nicht voll beschäftigt waren, standen leer. Hinzu kam, daß auch die Fernsehproduktionen spärlicher wurden. Anfang 1965 wurden 80 Mann des technischen Stammpersonals entlassen. Als bekannt wurde, daß der Sender Freies Berlin mit einem Kostenaufwand von 50 bis 60 Millionen Mark ein eigenes Fernsehstudio bauen will, zerschlugen sich die Hoffnungen auf eine bessere Auslastung der CCC-Ateliers in der ehemaligen Kampfgasfabrik an der Havel gegenüber der Insel Eiswerder. Brauner kündigte an, daß er fünf der sieben Hallen schließen werde; zwei Hallen will er für Eigenproduktionen und Fernsehaufträge behalten. Von den 400 Mann Belegschaft sollen 120 bleiben.

Warum die Bürgschaft verweigert wurde, bleibt geheim. Das Konsortium, in dem Vertreter der Wirtschaftsverwaltung Berlins, des Bundes, der Geschäftsbanken und Dramaturgen sitzen, ist zur Schweigsamkeit verpflichtet.

Die Filmbürgschaften gehören zu den Förderungsprogrammen für die Berliner Wirtschaft, denn im Filmgeschäft besitzt Berlin die größte Kapazität in Deutschland. Wenn allerdings die CCC-Film fünf Ateliers schließt, dann ist es damit vorbei, dann ist die Filmstadt Berlin tot. Sie hat immerhin eine siebzigjährige Tradition,

Noch im 19. Jahrhundert, im Jahre 1895, führten die Brüder Skandanowsky im Berliner „Wintergarten“ den ersten Film vor. 1917 entstand hier die Ufa. Es war eine Gründung im Schatten der Kriegspolitik unter den Fittichen des Generalquartiermeisters Ludendorff, der Durchhaltefilme drehen lassen wollte. Doch mauserte sich die Ufa später zu künstlerischem Filmruhm; ihre Filmstadt Babelsberg zwischen Berlin und Potsdam wurde zum Hollywood Europas,