Im Frankreich des 17. Jahrhunderts spielte man eine Art von Golf, die man heute überall, nur nicht auf einem Golfplatz betreiben könnte. Das Spiel nannte sich Chole. Man benötigte dazu nur eine größere Wiese, dazu zwei gleiche Golf Schläger und einen Ball. Man begann in der Mitte und schlug abwechselnd gegeneinander. Jeder verteidigte so eine Linie, die in seinem Rücken lag und die vorher vereinbart und abgesteckt worden war. Wer den anderen über diese Grenze trieb, hatte gewonnen.

Das ist ein vorzügliches Golftraining für die tote Saison. Anfänger, die meinen, Chole wäre eine Gelegenheit, Golf „schwarz“ erlernen zu können, müssen jedoch wissen, daß ein richtig getroffener Golfball eine Anfangsgeschwindigkeit von weit über zweihundert Kilometerstunden entwickelt – und also zumindest enorm gefährlich sein kann.

Der Erfinder von

Dot; Verlag Kleefeld & Co, Fürth/Bayern; Karton mit Spielplan, zwei Wachsfarbstiften, je einem Farbenwürfel, Lineal und Spitzer; für zwei Personen; 5,50 DM

hat Chole höchstwahrscheinlich nicht gekannt. Und doch ist ihm etwas sehr Ähnliches eingefallen. Ein recht hübsches Spielchen, in seiner Art einzigartig. Es hatte offensichtlich wenig Erfolg, denn es ist auch einmal plagiiert worden. Auf dem länglich-schmalen Plan sind an beiden Enden und in der Mitte Punkte aufgereiht. Dazwischen liegen wieder Punkte, etliche hundert, scheinbar wirr und systemlos verteilt in sechs verschiedenen Farben. Die Farben findet man auf dem Würfel wieder Rot, Grün, Blau, Gelb, Violett und Schwarz. Nun wird, wie beim Chole, abwechselnd „geschlagen“: Man würfelt, und der jeweiligen Farbe nach bietet sich eine Auswahl von Punkten dar. Natürlich trachtet man danach, möglichst den zu erreichen, der der Ziellinie am nächsten ist. Dazu braucht man das Lineal: Ausgangspunkt und erstrebter Punkt werden mit einem Strich verbunden. Dabei darf kein anderer Punkt auch nur berührt werden. Nun weiß man auch, daß der Spitzer nicht umsonst dabeiliegt: Je feiner die Spitze des Wachsstifts ist, desto besser gelingt es, sich an den Hindernissen vorbeizumogeln – weshalb das Gerät auch ebensooft benutzt wird wie beim Billard jener kleine, ausgehöhlte, hellblaue Kreidewürfel.

Am Anfang ist die Auswahl an Punkten groß; sie wird immer kleiner, je länger man spielt, denn: die Punkte dürfen nur einmal benutzt werden. So entsteht allmählich ein immer wirrer werdendes Gebilde sich vielfältig kreuzender Linien, das an einen späten Kandinsky erinnern mag. Nun geschieht es sehr oft, daß der Gegner gefährlich nahe zur eigenen Linie vorstößt. Den gewiegten Spieler schüchtert das allerdings nicht ein: Nicht selten kann man sich mit ausgeknobelten, überraschenden „Weitschüssen“ mit der haarscharfen Bleistiftspitze befreien und vielleicht sogar offensiv werden. Zuweilen passiert es, daß man keinen freien Punkt der entsprechenden Farbe mehr ausmachen kann. Dann bleibt einem nichts anderes übrig, als zu passen. Dies steht zwar nicht in der Anleitung, doch ist es in dem Hinweis enthalten, das Spiel nach eigener Phantasie zu erweitern. Und dazu bietet „Dot“, so scheint mir, ein weites Feld (wenn die abwischbare Spezialfolie des Planes eine entsprechend lange Lebensdauer hat). Zum Beispiel kann es auch von mehr als zwei Personen gespielt werden, jedoch nicht von mehr als zwei Parteien. Oder doch? Eugen Oker