Mit großem Beifall wurde Ende vergangenen Jahres Max von der Grün in der DDR empfangen. In ihm glaubte man, einen Arbeiterdichter, einen Vertreter des Sozialistischen Realismus in der Bundesrepublik entdeckt zu haben. Von der Grüns Auseinandersetzungen mit dem Ruhr-Bergbau hatten noch dazu beigetragen, ihn als hier unerwünscht, dort erwünscht erscheinen zu lassen. Umso größer war die Enttäuschung des Autors, als ihm die Einreise zu einer Theateraufführung nach Erfurt im Januar dieses Jahres versagt wurde. Seiner begreiflichen Enttäuschung macht er hier in einem offenen Brief an den Präsidenten des „PEN-Zentrums Ost und West“ Luft.

Hochverehrter Herr Dr. Arnold Zweig!

Bestimmte Vorgänge sind wert und wichtig, festgehalten zu werden, nicht um des Geschreis willen, sondern aus Sorge für eine künftige Entwicklung. Aus meinen letzten Erfahrungen muß ich zu dem Schluß kommen, daß Sie über viele Geschehnisse – besonders gravierende – nicht unterrichtet werden, daß bestimmte Kreise sie Ihnen bewußt vorenthalten.

Einer der Anlässe zu meinen Schlußfolgerungen: Vor vier Wochen schrieb ich über das PEN-Sekretariat an Sie einen Brief, dessen Eingang bis heute nicht bestätigt wurde, und auch meine Frage blieb bis heute ohne Antwort, die ich hier noch einmal in aller Deutlichkeit stellen Warum durfte ich am 15, Januar 1965 nicht nach Erfurt fahren?

Am vorletzten Tag meiner Lese- und Diskussionsreise durch die DDR vom 13. 11, bis 25. II. 1964, auf Einladung des Aufbau-Verlages Berlin und verschiedener Institute, las ich am 23. 11. 1964, einen Tag nach Abschluß der Akademietagung in Weimar, im Pädagogischen Institut Erfurt, wo ich mich durch die Aufgeschlossenheit meiner Zuhörer – Studenten und Professoren – sehr wohl fühlte; nichts vom kalten Krieg, keine eingeleierten und wohltemperierten Sprüche. Bitte, das ist immerhin etwas.

Im Verlauf der Diskussion hörte ich, daß die Studentenbühne des Instituts am 15. 1. 1965 das Stück meines Kollegen und Freundes Erwin Sylvanus „Korczak und die Kinder“ aufführen werde. Die mit der Leitung der Bühne beauftragten Studenten erzählten mir, sie hätten Sylvanus bereits eingeladen und würden es sehr begrüßen, wenn auch ich zur Premiere kommen könnte. Natürlich nahm ich die Einladung an, stellte mein Honorar der Bühne zur Verfügung, und am nächsten Tag erhielt ich in meinem Hotel in Halle den telephonischen Bescheid, für mich und Sylvanus sei bereits die Einreisegenehmigung beantragt. Das war am 24. 11. 1964, nachmittags.

So weit, so gut.