Von Werner Höfer

Er sitzt im Glashaus und wirft nicht mit Steinen. Denn Ernst Wolf Mommsen ist einer jener unorthodoxen Rhein-Ruhr-Manager, die es sich angewöhnt haben, ihre wirtschaftlichen Unternehmungen und politischen Erwägungen so weit zu entkrampfen, daß einem Höchstmaß von wirtschaftlichem Nutzen ein Mindestmaß von politischem Nachteil entspricht.

Da es in der Leitung der Phoenix-Rheinrohr AG keinen primus inter pares gibt, ist er im Vorstand Gleicher unter Gleichen, unter anderem zuständig für das „lebende Geschäft“. Selbst wenn er sich nicht auf eigene Rechnung und Gefahr einen Namen gemacht hätte, wäre er von Kindsbeinen an bereits eine namhafte Erscheinung gewesen: Wohl ihm, daß er ein Enkel ist!

Der große Theodor Mommsen, Wiederentdecker des Römischen Rechts und Verfasser der „Römischen Geschichte“, war sein Nobelpreis-Großvater; zur Familie gehörte der klassische Philologe Ulrich von Willamowitz-Moellendorf; die soziologischen Brüder Max und Alfred Weber konnte er als „Onkel“ anreden; der Radio-Lizenziat mit der Nummer 427 lernte bei Manfred von Ardenne die Anfangsgründe der Rundfunktechnik; der Vater, im „Weimarer“ Berlin Hausarzt der Großen seiner Zeit, brachte von einer winterlichen Visite und anschließendem Straßenbahnunfall eine tödliche Verletzung mit; das war am Tag, an dem der Sohn, dem auf den mittleren Klassen das Bismarck-Schicksal des Sitzenbleibens nicht erspart geblieben war, sein Abitur bestand; auf dem Sterbebett, die Familie bei einem Glase Mosel um sich versammelt, riet der Vater dem ärztlich ambitionierten Söhne, nicht Medizin zu studieren; sein juristisches Studium finanzierte der Heidelberger Student teils aus Einkünften, die er mit manueller Fabrik- oder intellektueller Heimarbeit verdiente, teils dem Wohlstand und dem Familiensinn einer Tante verdankte; von dem Erbe, das dies; gute Frau dem begabten Neffen hinterließ, erwarb er eine Mannesmann-Aktie, die der heutige Konzern-Konkurrent bis zur Stunde nicht abgestoßen hat; seine brillianten juristischen Examina hätte er um ein Haar mit einer Berufung zu Roland Freisler bezahlen müssen; dieser fatalen Karriere entzog er sich durch einen beherzten Absprung in ein Rechtsanwaltsbüro und durch Anlehnung an die Industrie; als „Assessor“ wirkte er in den mittleren Regionen des Rüstungsministeriums; nach dem Krieg landete er nach konsequentem Aufstieg im 19. Stock des Düsseldorfer Drei-Scheiben-Hochhauses, dem Hauptquartier der Thyssen-Gruppe.

In den ersten März-Tagen dieses Jahres war der Ehrendoktor der Münchener Technischen Hochschule einer der am meisten beachtete! und am falschesten zitierten Besucher der Leipziger Frühjahrsmesse.

„Trifft es zu, Herr Mommsen, daß diese Veranstaltung von der Wirtschaft des Westens lebhafter beschickt wurde als irgendeine andere Leipziger Messe nach Kriegsende?“

„Für die nicht-deutsche Wirtschaft mag das gelten; die westdeutsche Wirtschaft war zumindest stärker vertreten als irgendwann nach dem Bau der Mauer.“