Bis zum Aschermittwoch konnten die Börsianer die ungewöhnlich niedrigen Umsätze auf den deutschen Aktienmärkten noch mit dem Einfluß der Karnevalsfeiern begründen, die angeblich die Kundschaft daran hinderten, Wertpapiergeschäfte abzuschließen. Aber diese "Entschuldigung" zieht natürlich heute nicht mehr; gleichwohl ist das Börsengeschäft außergewöhnlich schwach geblieben. Ein gewisser Lichtblick scheint sich lediglich bei den festverzinslichen Papieren abzuzeichnen, bei denen sich die wochenlange Emissionspause allmählich günstig auszuwirken beginnt. Einige Anleger mildern ihre bisher geübte Zurückhaltung, weil sie nicht mehr – wie noch vor einigen Tagen – davon überzeugt sind, daß der sechsprozentige Rententyp bereits der Vergangenheit angehört und einem Zinsfuß von 6 1/2 oder gar 7 Prozent Platz machen wird. Diskrete Hinweise an die Banken des Bundeskonsortiums, dem die meist lukrative Aufgabe obliegt, die Anleihen des Bundes und seiner Unternehmen (Bahn, Post, Lastenausgleichsbank) zu placieren, man möchte sich mehr um eine Kurspflege kümmern oder darauf gefaßt sein, daß die begehrten Quoten künftig anders aufgeteilt werden, scheinen etwas gewirkt zu haben.

Aber es wäre falsch, darauf allein die leichte Besserung der Kurse der öffentlichen Anleihen zurückzuführen. Tatsache ist, daß die Kundennachfrage bei den Banken nach festverzinslichen Emissionen (mit möglichst kurzen Laufzeiten) wächst und zum Kauf dieser Papiere Mittel benutzt werden, die teilweise für den Aktienerwerb vorgesehen waren.

Die Anleger sind bereit, das sichere Risiko der Geldwertverschlechterung zu laufen, weil sie die Meinung vertreten, daß die in den deutschen Aktienkursen enthaltenen Verlustmöglichkeiten trotz des gedrückten Niveaus höher sein können als die Chancen einer nachhaltigen Kursbesserung. Eine große Gruppe von Sparern, nämlich die Zeichner von Investment-Zertifikaten, haben sich allerdings durch den allgemeinen Pessimismus bisher nicht anstecken lassen. Die Fonds melden immer noch einen erfreulichen Absatz ihrer Zertifikate; sie sind deshalb in der Lage, an besonders schwachen Börsentagen ihre Bestände preiswert aufzufüllen. Inwieweit es sich bei den Zertifikatskäufen jedoch um echte Neuanlagen handelt oder nur um sogenannte Umschichtungen, ist schwer zu sagen. Bekannt ist, daß manche Banken dazu übergegangen sind, den Inhabern von Kleinportefeuilles den Verkauf ihrer Aktien nahezulegen und ihnen zu empfehlen, für den Erlös Investment-Zertifikate zu erwerben. Ob sich für den einzelnen Banckunden daraus ein echter Nutzen ergibt, steht dahin; sicher ist, daß das Verschwinden kleiner Wertpapierkonten dem Rationalisierungsstreben der Institute entgegenkommt.

Bei der Beurteilung künftiger Kurschancen auf dem Aktienmarkt spielt nach wie vor der ständige Rückfluß deutscher Papiere aus den USA eine Rolle. Gelegentliche Diskussionen über die Gründung eines "Auffang"-Konsortiums, um den aus den US-Verkäufen resultierenden Kursdruck zu mildern, gehen an den Realitäten vorbei. Für ein gemeinsames Vorgehen fehlt die Basis, nämlich das einheitliche Interesse. Schließlich besteht der Kapitalmarkt nicht nur aus Aktienbesitzern, die an stabilen Kursen interessiert sind, sondern auch aus Kaufaspiranten, die möglichst billig "einsteigen" möchten. Und wer garantiert dem Konsortium, daß es keine Millionenverluste erleidet? Denn wer kann heute sagen, wie weit es an der deutschen Börse noch nach unten gehen wird?

Sehen wir einmal von den vielen offenen Fragen ab, die sich für die deutsche Industrie aus der deutschen Entwicklungspolitik stellen, so bleibt immer noch das Währungsrisiko. Wie sieht es mit der Wettbewerbsfähigkeit unserer Unternehmen aus, wenn das Pfund trotz aller gegenteiligen Beteuerungen doch noch abgewertet werden wird? Und wenn dann andere Staaten mit ähnlichen Schritten folgen werden?

Und schließlich stehen wir in diesem Jahr vor einer Bundestagswahl, deren Ausgang völlig ungewiß ist. Niemand verrät ein Geheimnis wenn behauptet wird, daß dem Aktienmarkt eine SPD-Regierung zunächst nicht gerade gut bekommen wird. Aus neueren Veröffentlichungen ist ersichtlich, daß die SPD von ihren steuerlichen Plänen (Nichtabsetzbarkeit der Vermögenssteuer, Abschaffung des begünstigten Körperschaftsteuersatzes für ausgeschüttete Gewinne und Erhöhung der Erbschaftsteuer) keineswegs abgerückt ist. Werden sie realisiert, so kämen die jetzigen Dividendensätze in Gefahr; außerdem müßte man in Erbschaftsfällen mit einem gewissen Mehrangebot an Aktien rechnen. Dabei haben wir in der gegenwärtigen Börsensituation schon zu viel und nicht zu wenig Aktien.

Diese Aussichten, mögen sie nun berechtigt sein oder nicht, hemmen heute die Anlagetätigkeit auf dem Aktienmarkt. Viele Leute fragen sich: Warum ein unnötiges Risiko laufen, so lange es die wirklich guten Renditen bei den festverzinslichen Papieren gibt? Bei der "Motivforschung" stellt sich dann heraus, daß der Rentenbesitz nicht selten als eine Art Zwischenanlage gedacht ist. "Bis wir wieder klarer sehen!"