E. A., München

Wohnstuben und Hotelzimmer sind die Treffpunkte verschwiegener Versammlungen von Fachkräften der in Bayern gelegenen Werke der Luftfahrtindustrie. Vergeblich bemüht sich die Polizei, dieses Treiben zu unterbinden. Beauftragte und Agenten der ägyptischen Flugzeugwerke sind seit Monaten am Werk, deutsches Personal als Ersatz für ausscheidende Mitarbeiter anzuwerben.

Viele der Rüstungsexperten, die Nassers „arabischen“ Überschalljäger bauen, haben nach Ablauf ihrer Vierjahres-Verträge die Lust verloren. Sie klagen über die verschlechterten Lebensumstände und die Teuerung in Ägypten, über nicht eingehaltene Versprechungen und über die heillose politische Situation, in der Westdeutsche heute am Nil leben müssen. Für Ersatz zu sorgen, ist den Verantwortlichen der Heluan-Aircraft-Werke bei Kairo oft ein schwieriges Problem.

Das Reservoir jener deutschen Mitarbeiter, die nach dem Kriege zunächst nicht in ihrem ursprünglichen Flugzeugbauberuf arbeiten konnten und die damals freudig aus fremder Tätigkeit wieder in ihr altes Metier zurückgekehrt waren, ist erschöpft. Jene 500 Fachkräfte vor fünf Jahren zu engagieren, war bei der genauen Kenntnis des Personenkreises, die die europäischen Erbauer des ägyptischen Werkes hatten, noch ein Leichtes gewesen. Inzwischen ist in der Bundesrepublik die Luftfahrtindustrie wiedererstanden. Auf das Personal dieser Firmen haben es jetzt die Ägypter abgesehen. Den bayerischen Behörden sind mehr als ein Dutzend Fälle bekannt, in denen aus Ägypten herbeigereiste deutsche und österreichische Unterhändler Abwerbungen betrieben haben. Nach den deutschen Gesetzen sind dies illegale Handlungen, die mit Strafe bedroht sind. Aber meist gelingt es nicht, die Abwerber zu fassen. Eine Gruppe von neun Fachkräften aus dem sogenannten Vorrichtungsbau verließ ein bedeutendes Werk in Donauwoerth, andere Experten gingen von Ottobrunn und Oberpfaffenhofen bei München nach Kairo. Besonders beunruhigt sind die Werksleitungen, weil sich unter diesen Fachkräften „Geheimnisträger“ befinden, die nicht nur Kenntnis von militärischen Geheimnissen haben, sondern auch Produktionsmethoden kennen, die als Firmengeheimnisse behandelt werden.

Nach wie vor liegt der Hauptanreiz in der hohen Bezahlung. Die Abwerber wissen auch geschickt die Zweifel zu zerstreuen, die vorgebracht werden: das Gerede über das schlechte Leben am Nil sei nur zionistische Propaganda, meinte ein Abwerber und zeigte Bilder von dem sorgenfreien Leben am Swimming-pool des Sportklubs im Kairoer Vorort Meadi, wo die Experten wohnen. Dazu moderne Häuser, unter ägyptischer Sonne, im Schatten der Palmen, mit eingeborenen Dienern und Arbeitsbedingungen, wie sie den Ingenieuren kaum zum zweitenmal irgendwo auf der Welt angeboten würden. Der Abwerber verschwieg, daß die italienische Schiffahrtlinie sich weigert, die Deutschen mit ägyptischen Regierungsgutscheinen zu befördern, weil die Fahrkarten nicht fristgemäß bezahlt wurden und seither nur ägyptische Schiffe verwendet werden dürfen. Obwohl niemandem verborgen geblieben ist, daß die Bundesregierung die Tätigkeit Deutscher in der Nasserschen Rüstungsindustrie mißbilligt, finden sich immer wieder Experten, die nach Ägypten gehen.

Sie fühlen sich nicht zuletzt durch einen Namen gedeckt, der in Bayern einen guten Klang hat und dessen Träger erst kürzlich mit dem bayerischen Verdienstorden ausgezeichnet wurde: Professor Willy Messerschmitt, der Schöpfer des erfolgreichsten Jagdflugzeugs im Dritten Reich, hat auch Nasser beliefert. Auf dem Umweg über die spanischen Flugzeugwerke „Hispano Aviation“ verkaufte er den Ägyptern die Lizenz eines von ihm konstruierten Düsenjägers, der als HA-300 zum arabischen Überschalljäger entwickelt wurde. Vor einigen Monaten brachte Messerschmitt nach Angaben zurückgekehrter Fachleute einen Koffer voll Konstruktionszeichnungen aus Bayern nach Kairo. Neben dem Jagdflugzeug soll nun auch eine Düsenmaschine für den Passagierverkehr in der Wüste gebaut werden.

Auf dem Weg über diese Zusammenarbeit ist auch der Freistaat Bayern ein direkter Partner Nassers geworden, denn Bayern hat ebenso Anteile in der Augsburger Messerschmitt AG wie die Familie Messerschmitt. Zwar dementierte das Werk, mit Ägypten derlei Geschäftsbeziehungen zu haben, aber es wurde doch bekannt, daß die Firma sogar ein Büro für die ägyptischen Angelegenheiten auf ihrem Werksgelände eingerichtet hat. Auch entpuppte sich ein auf der hannoverschen Industriemesse im vergangenen Jahr ausgestelltes Flugzeugbugrad, das nur als Messerschmitt-Produkt ausgezeichnet war, als Teil der ägyptischen HA-300. Eine Sorge freilich haben die Messerschmitt-Werke nicht: bei ihnen ist noch kein Fachmann unerlaubt für Ägypten abgeworben worden.